Dr. Siegfried Unseld spricht wie ein Mann, der auf niemand angewiesen ist. Wenn sich das so verhielte, dann wäre er der einzig richtige Adressat für alle westlichen Klagen im Zusammenhang mit Brecht. Aber ich habe noch die Sätze im Ohr, die er mir kurz zuvor, im Trubel einer Vernissage, vor den Miniaturen der Anita Albus in den düsteren Räumen der Münchner Stuck-Villa anvertraut hat: „Mein Gott, ich kann mich zu diesem Thema doch nur als Diplomat äußern. Ich habe Ende November eine entscheidende Sitzung mit den Erben. Danach kann sich die ganze Situation ändern.“

Marianne Schmidt im Dezember-Heft der Zeitschrift „Trans Atlantik“, in einem höchst lesenswerten Bericht über die seltsamen Praktiken der Firma Brecht & Suhrkamp. Titel: „Die Dreigroschenerben“.

Kino aus der Schweiz

Daß der neue Schweizer Film eine aufregende Sache ist, weiß man ja auch hierzulande spätestens seit „Jonas“ von Alain Tanner und der „Spitzenklöpplerin“ Von Claude Goretta. Doch nicht nur den wenigen bekannten Regisseuren (die überwiegend aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz kommen) gebührt Aufmerksamkeit. Wie interessant das Schweizer Kino wirklich ist, wird man in den nächsten Monaten in elf deutschen Städten sehen können. In Zusammenarbeit mit „Pro Helvetia“ präsentiert die neue „Arbeitsgemeinschaft für kommunale Filmarbeit“ (ein Zusammenschluß kommunaler Kinos) 13 Programme unter dem Titel „Die Schweizer Film-Macher“: mit Arbeiten von Alexander Seiler, Fredi M. Murer, Richard Dindo, Nino Jacusso und etlichen noch unbekannten Filmemachern. Premiere ist am 6. Dezember im Kommunalen Kino Frankfurt, im Januar folgen Stuttgart und Karlsruhe, im Februar Kassel und Hannover, im März Dortmund, Duisburg und Bielefeld, im April Berlin, Hamburg und Kiel. Ein Programmheft mit umfangreichen Materialien wird es auch geben.

Geläut für den kleinen Mann

Für: seine bis zur Verwechselbarkeit vorangetriebenen Darstellungen des „kleinen Mannes“ und das Geschick, „mit erhellendem Ingrimm und für jedermann verständlich auf Mißstände des Zeitgeistes aufmerksam zu machen“, hat der Münchner Satiriker Gerhard Polt in der Sparte Kabarett eine der drei „Unterhaus-Glocken“ bekommen, mit denen der „Deutsche Kleinkunstpreis“ geschmückt wird. Die anderen beiden Glocken, die ihren Namen vom Stifter des Preises, dem Mainzer Forum Theater „Unterhaus“, haben, bekamen der Schweizer Chansonnier Aernschd (Ernst) Born, weil er dem Dialektlied, jenseits von allem Modischen, neue poetische Dimensionen gegeben habe, und die Kölner Rockgruppe „Floh de Cologne“, weil es ihr gelungen sei, in den fünfzehn Jahren ihres Bestehens „Themen aus der Alltagswelt junger Menschen einem großen, vor allem jugendlichen Publikum“ kritisch nahezubringen. Mit dem Förderpreis der Stadt Mainz wurde „Karl Napp’s Chaos Theater“ aus Frankfurt prämiiert für seine zeitkritische und selbstironische Reflexion über gesellschaftliche Zustände. Das ZDF führt die Preisträger am 17. Februar vor.

Mit dpa im Theater

Bonn (dpa) – Ein Buh-Geheul empfing die Autorin Esther Vilar am Donnerstag nach der Uraufführung ihres Stücks „Helmer oder ein Puppenheim“ im Bonner Werkstatt-Theater. Die Verfasserin des Buches „Der dressierte Mann“ will ihren Dramenerstling als eine Fortsetzung des Ibsen-Schauspiels „Ein Puppenheim“ verstanden wissen, das seinerzeit unter dem Titel „Nora“ als Beitrag zum Thema Frauenemanzipation heftige Diskussionen auslöste. Unsortiert bringt Esther Vilar in den ein drei viertelstündigen Telephon-Monolog des verlassenen Ehemanns Thorvald Helmer den ganzen Wust ihrer antifeministischen Thesen ein. Gesprochen wird im modischrüden Jargon unserer Tage. Der zwischen Fernseh-Fußball und Baby-Tränkung hin- und hergerissene Hausmann und Rechtsanwalt Helmer soll, auf den Stand unserer Zeit gebracht, entlarven, daß die Emanzipation der Ibsen-Nora „nichts als die faule Flucht“ einer ausgehaltenen Schickse gewesen sei. Nach ihrem überstürzten Ausbruch aus dem allzu kuscheligen Puppenheim und dem Selbstfindungstrip nach Italien mit der lesbischen Freundin Christine versucht dieses Luxusweibchen nun per Telephon, den reuigen Rückzug ins warme Nest zu erbetteln. Doch sieh da, der Verlassene hat sich seinerseits emanzipiert. Er ist ein begeisterter Säuglings-Fan geworden, hat den Star-Anwalt an den Nagel gehängt und beschlossen, die nächsten 18 Jahre nur noch dem krähenden Sprößling zu widmen...