Die Rentenmark-Experten haben ihre Hoffnungen auf eine spürbare Zinssenkung bis zum. Jahresultimo begraben. Möglich wäre sie nur gewesen, falls sich in den USA die Zinsen zurückentwickelt hätten. Aber dort ist das Gegenteil der Fall: Sie nähern sich wieder ihrem diesjährigen Gipfel. Damit bleiben der Bundesbank in der Zinspolitik die Hände gebunden. Erst eine nachhaltige Rückbildung des Leistungsbilanzdefizites würde wieder eine autonome deutsche Notenbankpolitik ermöglichen.

Wer deshalb für niedrigere Zinsen eintritt, muß vorher mithelfen, eine Trendumkehr in der Leistungsbilanzentwicklung zu erreichen. Und das geht nur durch die Wiederherstellung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen; Es ist deshalb nur logisch, wenn der Präsident der Landeszentralbank in Hamburg, Hans Hermsdorf, auf einer Veranstaltung des Bankhauses Wölbern & Co. energisch dafür plädierte, in diesem Jahr die Tariferhöhungen im Rahmen des Produktivitätszuwaches zu belassen. Alles andere würde zu Lasten der Unternehmensgewinne gehen und die Investitionsfähigkeit in Mitleidenschaft ziehen.

Da nicht zu erwarten ist, daß sich so viel tarifpolitische Vernunft durchsetzen läßt, werden wir eben so lange mit hohen Zinsen leben müssen, bis in den USA ein Richtungswechsel in der Geldpolitik eintritt. Und er ist nicht in Sicht.

Immerhin ist es tröstlich, daß der jüngste Zinsanstieg in den USA nicht mehr zu einem Druck auf die deutschen Rentenkurse geführt hat. Das ist allerdings weniger einer sich verstärkenden Anlagebereitschaft als vielmehr der Zurückhaltung der Verkäufer zu verdanken. Alle am Rentenmarkt Beteiligten sind-im Grunde zum Jahresschluß an höheren Kursen interessiert. Niemand möchte sich jetzt noch höhere Wertpapierabschreibungen aufhalsen.’

Ob diese Absicht bis zur Jahresschlußbörse am 30. Dezember durchzuhalten ist, hängt einmal von der weltweiten Zinsentwicklung ab, aber auch von der Solidarität der Effektenbesitzer selbst. Falls nämlich einige Großanleger die sorgsam behüteten Kurse dazu benutzen sollten, sich von unerwünschten Papieren entlasten zu wollen, könnte es noch kritisch werden. Wieder einmal heißt es in den Börsensälen: „Auf Sanitäter schießt man nicht!“

Hinter den Kulissen ist die Sorge vor Kursmanipulationen mit dem Ziel, die Jahresbilanzen durch Nachhilfen an der Börse zu verbessern, in diesem Jahr besonders groß. Nicht umsonst hat die Düsseldorfer Börse die Emittenten gebeten, bei der Aufrechterhaltung der Kurswahrheit behilflich zu sein.

Auf die Aktienkurse hatte die Zinsmisere keine Auswirkungen mehr. Werden sich die Aktien als „Substanzwerte“ tatsächlich von der jeweiligen Zinsentwicklung lösen können, wie manche Anlageexperten voraussagen? Unverkennbar wächst das Unbehagen, sich allzu einseitig in festverzinslichen Titeln zu engagieren. Die Diskussion über die Folgen der rapide ansteigenden Staatsverschuldung haben immerhin bewirkt, daß man die Gefahren zumindest würdigt, die dem Sparer bei einer Fortsetzung der Schuldenpolitik der letzten. Jahre. drohen. Sie, suchen nach Anlagealternativen. Die einen glauben sie im „sicheren“ Ausland finden zu können, wo sie – besonders in den USA – zur Zeit noch Superzinsen kassieren können, die anderen, das Währungsrisiko scheuend, wenden, ihre Aufmerksamkeit mehr den Aktien zu, wo schließlich auch beachtliche. Renditen kassiert werden können. Bei den Papieren der Großchemie, wo in diesen Tagen die Dividenden für 1980 so gut wie festgeschrieben worden sind, liegen sie bei knapp unter zehn Prozent, natürlich unter Berücksichtigung des Körperschaftsteuerguthabens. Zum Vergleich: Bei der neuen Postanleihe lassen sich 8,83 Prozent erzielen. Dies allerdings sicher, während die Aktionäre um ihre Dividenden Jahr für Jahr bangen müssen. Dafür winken ihnen unter Umständen Kursgewinne. K. W.