Für eine Beurteilung ist es noch zu früh (Schluß)

Von Dietrich Goldschmidt

Bremen kämpft noch heute mit Schwierigkeiten aus der Zeit der Gründung. Doch hat sich inzwischen eine beachtliche Zahl von Hochschullehrern unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Orientierung weit über Bremen hinaus einen Namen gemacht.

Trotz der relativ großen Zahl von Hochschullehrern war Grundsatz bei ihrer Planung, fast jeden Hochschullehrer mit einem besonderen Lehr- und Forschungsgebiet auszuweisen. Hierin liegt eine auf die Dauer unzuträgliche Einengung der Arbeitsgebiete der einzelnen Wissenschaftler. Neuere Stellenbeschreibungen tragen diesem Umstand Rechnung. Zugleich erwies sich der Verzicht auf wissenschaftlichen Mittelbau als ein Mangel nicht nur in Lehre und Forschung, sondern auch im Sinne der Nachwuchsförderung. Die Universität bemüht sich daher bereits seit 1975 um die Einrichtung entsprechender Stellen. Die Vorschriften des Hochschulrahmengesetzes und des Bremer Hochschulgesetzes machen diese Bemühungen zwingend; die letzte Woche genannten Zahlen für wissenschaftliche Mitarbeiter zeigen das bisherige Ergebnis.

Die Studierenden von 1980 sind auch in Bremen nicht mehr die von 1971. Sie machen nicht den Eindruck, interessierter oder radikaler zu sein als an vielen anderen Hochschulen. An den Asta-Wahlen beteiligten sich 25 bis 30 Prozent, an den Wahlen der Gremien Vertreter nur etwa zehn Prozent. Die Rekrutierung der Studierenden – 60 Prozent aus Bremen, 25 Prozent aus Niedersachsen, die übrigen aus der Bundesrepublik, vorwiegend nördlich der Mainlinie – läßt erkennen, daß Bremen als Regionaluniversität bedeutend ist, nicht aber als ein Mekka radikaler Studenten aus der ganzen Bundesrepublik. Die „feinen“ Bremer Söhne und Töchter werden allerdings eher in Freiburg oder Tübingen zu finden sein. Bremen ist eine Arbeitsuniversität; an wenigen wissenschaftlichen Hochschulen dürften die Mindeststudienzeiten so wenig überschritten werden wie hier. Die Atmosphäre innerhalb der Universität ist – im Gegensatz zu den Anfangsjahren – nicht mehr die einer turbulenten Vorbereitung für die Schaffung einer neuen Gesellschaft.

Die auf Lehre, Forschung und Personalwesen angewandten strikt antihierarchischen Prinzipien haben zu unvorhergesehenen organisatorischen Konsequenzen geführt. Entgegen dezentralistischen Vorstellungen hat sich eine doppelgleisige zentralistische Struktur herausgebildet, in der dem gewählten akademischen Senat und seinen Kommissionen Entscheidungen in einem Umfang vorbehalten sind, der das sonst übliche Maß weit überschreitet. Hierzu trägt bei, daß zwar die akademische Seite nach Studiengängen gegliedert ist, die Dienstleistungsseite aber davon unabhängig aufgebaut ist und eine formelle Zusammenführung erst im Senat geschieht.