Eines der erfolgreichsten Spiele der deutschen Nachkriegszeit hat Konkurrenz bekommen. Klassenkampf" heißt die marxistische Antwort auf das erzkapitalistische Monopoly" schen Markt erschien. Der Zeitpunkt scheint gut gewählt. Fast scheint es, als wollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer das gleiche Spiel in der Praxis erproben. Zumindest an die Parolen des Klassenkampfes fühlt sich in diesen Wochen mancher erinnert, der Äußerungen aus beiden Lagern zur bevorstehenden Tarifrunde 1981 verfolgt. Die Zeichen, so signalisiert man von allen Seiten stehen auf Sturm. Vor allem in der Metallindustrie, die offenbar auch diesmal wieder die undankbare Rolls des Vorreiters übernehmen wird, rüstet man sich für schweres Wetter. Unsere Leitfunktion ist geradezu grotesk", findet denn auch Horst Knapp ; V&epräsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und dort zuständig für die Tarifpolitik. Noch heute, klagt er, einigen sich Nachzügler der Lohnrunde 80 auf die Metallzahl vom Jahresanfang (6 8 Prozent), obwohl sie angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung längst nicht mehr in die Landschaft passe. Und auch Hans Janßen vom Vorstand der IG Metall empfindet diese Situation als "bedrükkende Last".

Dafür, daß sich die Tarifparteien dieser Last der Verantwortung voll bewußt sind, sorgen im Vorfeld der Tarifverhandlungen Jahr für Jahr die zahlreichen Prognosen und Gutachten von Wissenschaf tlern und Instituten. Ihre "unerbetenen Ratschläge" (Hans Janßen) geben — gewollt oder ungewollt — die Marschroute für die Lohnund Gehaltsabschlüsse vor. Von Anhebungen in der Größenordnung zwischen knapp vier bis 4 5 Prozent gingen die "Fünf Weisen" diesmal bei ihrem Gutachten aus. Auch aus dem Zahlentableau des Bundeswirtschaftsministeriums lassen sich ähnliche Daten errechnen.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft allerdings, traditionell pessimistisch in seinen Vorhersagen, warnte in diesen Tagen die Tarifparteien davor, die Abschwungkräfte abermals zu unterschätzen und die Inflationsrate als Untergrenze für die Abschlüsse anzusehen "Wünschenswert wären nach Meinung der Kieler Forscher Lohnannebungen zwischen zwei und drei Prozent. Davon allerdings will die IG Metall nichts wissen "Ein Abschluß unterhalb der Inflationsrate kommt nicht in Frage", so der knappe Kommentar von Hans Janßen.

Die "Nordlichter" unter den Wissenschaftlern fordern- bei ihrer jüngsten Analyse ähnlich wie die Arbeitgeberverbände eine "maßvolle Lohnpolitik". Und das heißt im Klärtext: Die Abschlüsse müssen produktivitätsorientiert sein, will man das Schlimmste verhüten "Wir müssen eine. Tendenzwende in die Wege leiten", warnt Horst Knapp von Gesamtmetall, "denn wenn wir so weitermachen wie in den letzten zehn Jahren, Fortsetzung Seite 16 £ sind wir bald so schlimm dran wie unsere Nachbarn "

Im Gegensatz zu Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer von Gesarntmetall, spricht Knapp allerdings nicht von einer "radikalen Neuorientierung" der Lohnpolitik "Einen absoluten Bruch wird es nicht geben", meint er. Doch "wenn wir den Kurswechsel nicht zu Wege bringen, gibt es bald ein bitteres Erwachen Und in Abwandlung des alten Sprichworts fügt er mit allem Nachdruck hinzu: "Wer nicht hören will zur rechten Zeit, der muß fühlen "

In nackten Zahlen ausgedrückt bedeutet diese; Einschätzung der Lage durch die Arbeitgebers Lohnanhebungen zwischen 2 5 und drei Prozent, Das entspricht der Produktivitätsrate, die nach der neuen Lohnformel als Richtschnur für den Abschluß gilt.

Ob Horst Knapp es nun so nennt oder nicht, für die IG Metall ist die neue Position der Ar beitgeber in der Tat eine radikale Wende. Gab es doch bislang immerhin einen ungeschriebenen Konsens, daß neben der Produktivität auch die Inflationsrate in die Überlegungen bei der Lohn findung eingeschlossen werden müsse. Und die Gewerkschaft addierte zusätzlich gleich noch eine — wie auch immer bezifferte — Umverteilungskomponente hinzu. Damit jedoch, das scheint auch den Arbeitnehmerorganisatjonen klar, läßt sich 1981 wohl nicht mehr erfolgreich operieren.