Die SPD darf kein Verein von Beamten ab A 13 aufwärts werden, aber auch keine Subkultur der unteren Klassen gegen die eigenen Kinder. Nostalgische Sehnsucht nach der Homogenität des Arbeitersportvereins hilft nicht weiter. Die SPD muß eine Pluralität der Lebensstile zulassen – wie eine Pluralität der politischen Motivationen. Wenn ihr die schwierige Integration gelingt, wird sie die deutsche Politik im letzten Viertel dieses Jahrhunderts prägen. Wenn sie ihr mißlingt, kann sie zurückfallen in die Rolle einer beachtlichen, aber nicht regierungsfähigen Dauer-Opposition. Beide Wege sind offen. Die Partei muß entscheiden, auf welchem sie weitergehen will.“

Mitentscheiden wird darüber, an zentraler Stelle, demnächst der, der diese entschlossenen Sätze formulierte: Peter Glotz, noch Berliner Wissenschaftssenator, nach Ratschluß des SPD-Vorsitzenden Brandt künftiger Bundesgeschäftsführer der Partei. Die Worte stellen keineswegs eine vorschnelle Regierungserklärung des Bahr-Nachfolgers dar. Sie stehen am Schluß eines Buches, das er vor fünf Jahren geschrieben hat Und das den stolzen Titel „Der Weg der Sozialdemokratie“ trägt.

Ein Programmatiker also? Gewiß – aber eben einer, der seine intellektuellen Fähigkeiten nicht zuletzt auf das Innenleben der Partei gerichtet hat. Glotz hat sich so intensiv wie kaum sonst einer mit der Entwicklung der SPD in den letzten anderthalb Jahrzehnten auseinandergesetzt, analysierend, Schlüsse ziehend, Möglichkeiten bedenkend. Die Beiträge, die er zur parteiinternen Diskussion geleistet hat, verbargen nie, daß sie praktischer Absicht entsprangen: Hier äußerte sich kein ideologischer, sondern ein politischer Kopf.

Glotz entspricht nicht dem Bild, das man sich von einem SPD-Geschäftsführer macht. Aber auch die Partei sieht ja nicht mehr so aus, wie man sie sich einmal vorstellte. Für die gewandelte, noch immer in Wandlungen befindliche SPD könnte er der richtige Mann sein. Rdh.