Von Andreas Conrad

Hamburg

In vielen Städten ist ein lokaler Alternativjournalismus aufgeblüht, gesellt sich zu den Stadtanzeigern, Abendblättern und Morgenzeitungen die buntgemischte Konkurrenz selbstbewußter "Basis"-Journalisten. Es ist unmöglich, all die neuen Periodika auf einen Begriff zu bringen. Halbwegs akzeptabel ist die Bezeichnung "Alternative Lokalpresse", sofern man sich an ihrem gemeinsamen Selbstverständnis, Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Blättern zu sein, orientiert.

Allzu wörtlich darf man das "alternativ" allerdings nicht nehmen. Zwar erinnern die neuen Publikationen mit ihrem meist markigen Linksvokabular häufig an den Gesinnungsjournalismus des 19. Jahrhunderts, doch sind die politischen Rundumschläge nicht alles. Besonders die Service-Seiten mit Veranstaltungshinweisen, Kontaktadressen und Kleinanzeigen, doch häufig auch der redaktionelle Teil verhalten sich zur etablierten’ Tagespresse eher komplementär als alternativ. Publiziert wird, was den Profis zu unbedeutend dünkt.

Die sogenannte "Bürgerliche Presse" wird offenbar den vielfältigen Bedürfnissen der Zeitungsleser nicht mehr gerecht. Ihr Bezugsfeld ist die Gesamtkommune, der Landkreis, nicht aber der Stadtteil, also der nächste Lebensbereich vieler Menschen. Randgruppenprobleme, Aktivitäten lokaler Bürgerinitiativen, die Angst der Altbaubewohner vor Sanierung kommen in Tageszeitungen häufig nur am Rande vor. Ihre Distanz zur Basis ist in Großstädten am größten, und hier gibt es denn auch ein dichtes Netz alternativer Publikationen.

Spitzenreiter ist Berlin mit 44 solcher Blätter. Eine schillernde Gesellschaft tritt da mit kämpferischem Enthusiasmus gegen das publizistische Establishment an. Auch in ihr gibt es Fürsten und Parias. Die schon etablierten "Marktführer" der Branche sind die Stadtillustrierten, deren Auflage meist bei mehreren tausend, teilweise auch zehntausend Exemplaren liegt, die über ein festes Redaktionsteam verfügen und ihren Vertrieb über Grossisten abwickeln.

Das Gros der Alternativler übersteigt die Grenze von 2000 Exemplaren jedoch nur selten. Journalismus ist hier reines Freizeitvergnügen ohne Aussicht auf Profit. Jede Ausgabe wird zum finanziellen Wagnis, ist vielleicht sogar die letzte. Wirft einer der Hobby-Redakteure entnervt das Handtuch, so ist oft das ganze Projekt gestorben.