Sein Tod glich auf bedrückende Weise seinem politischen Stil: Um Zeit zu gewinnen, hatte der portugiesische Ministerpräsident Sá Carneiro am Donnerstag voriger Woche auf seine Plätze in der Linienmaschine nach Porto verzichtet und ein Privatflugzeug genommen. Wenige Minuten nach dem Start in Lissabon stürzte die zweimotorige Cessna ab und explodierte beim Aufprall. Kein Insasse überlebte.

Der 46jährige Regierungschef, sein Verteidigungsminister und sein engster Berater wollten auf einer Wahlkampf-Veranstaltung für ihren Präsidentschaftskandidaten General Soares Carneiro die Werbetrommel rühren, für jenen konservativen, farblosen Offizier, den sich Sá Carneiro (trotz des Namens besteht keine Verwandtschaft) als Mitstreiter ausgesucht hatte. Mit ihm gemeinsam wollte er die letzte Bastion stürmen, die seinem marktwirtschaftlichen Kurs noch im Wege stand: Die’nach der „Nelkenrevolution“ von 1974 geschriebene Verfassung mit ihrem Sozialisierungsgebor.

Doch dieser letzte politische Wunsch erfüllte sich nicht. Am Sonntag bestätigten die Portugiesen mit 56,43 Prozent den Generals-Präsidenten Ramalho Eanes für fünf Jahre in seinem Amt. Die von Sá Carneiro gewünschte radikale Kehrtwendung soll nicht stattfinden; zwischen der liberal-konservativen Parlamentsmehrheit und einem eher „linken“, die Verfassung verteidigenden Präsidenten Eanes soll und muß ein Kompromiß gefunden werden.

Der tödlich verunglückte Sá Carneiro war zu solchem Ausgleich nicht bereit. Mit der simplen Formel „Eanes oder ich“ hatte er den Wahlkampf bestritten, ungeduldig, in hastiger Eile, kompromißlos und hart. Vieles entsprach seiner Natur, manche Züge seines Auftretens waren bewußt stilisiert, um sich von den beiden Politikern abzuheben, die er ernst nahm, weil sie ihn hindern konnten, dem „lusitanischen Träumer“ Mario Soares, Vorsitzenden der Sozialistischen Partei, und dem „Kommunistenfreund“ Eanes. Sá Carneiro schnitzte mit der Axt, unwillig und unfähig, einem Streit aus dem Wege zu gehen. Seine Härte schuf ihm viele Feinde und bedingungslos ergebene Freunde, er bewirkte Polarisierung und förderte sie, weil er die Konfrontation suchte.

Sein Tod hat diese Entwicklung jäh beendet; einen Nachfolger, der ihn ersetzen und seine Politik fortsetzen könnte, hat er in der Führung seiner Sozialdemokratischen Partei, die trotz ihres Namens eher nationalliberale Positionen vertritt, neben sich nicht geduldet. Bis zum kommenden Samstag will sich der Vorstand der stärksten Fraktion in der Drei-Parteien-Koalition „Demokratische Aktion“ auf einen Nachfolger verständigen. Alle bis jetzt genannten gehandelten Parteifreunde haben, unbeschadet ihrer Links-Rechts-Einordnung, eines gemeinsam: Glaubwürdig, werden sie Sá Carneiros Politik und seinen Stil nicht fortsetzen können. Das Flugzeugunglück und das Wahlergebnis eröffnen also noch einmal die Chance zu einem Kompromiß.

Drei Monate Wahlkampf – erst am 5. Oktober hatten die Portugiesen ihr Parlament gewählt – haben so viele schrille Töne produziert, daß alle Signale einer möglichen Verständigung untergegangen sind. Eine Verständigung ist freilich unerläßlich, weil sich bestimmte sozialistische Gebote der Verfassung als überholt erwiesen haben und einer wirtschaftlichen Gesundung entgegenstehen. Sá Carneiro wollte diese Gebote im Hauruck-Verfahren kippen; Präsident Eanes hat nach seiner Wiederwahl gleich zweimal angekündigt, daß er zu einer Modifizierung oder Anpassung bereit sei.

Dieses Angebot richtete sich nicht nur an die „Demokratische Allianz“, sondern auch an die Sozialisten und ihren Vorsitzenden Mario Soares. Um die Verfassung zu revidieren oder zu ergänzen, braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit, die nur mit den Stimmen der Sozialisten zu erreichen ist. Bislang haben die Sozialisten nicht verwunden, daß sie, obwohl sie die Revolution vor der kommunistischen Übernahme gerettet haben, dennoch von den Wählern in die Opposition geschickt wurden. Sie aus dem Schmollwinkel herauszuholen und von den innerparteilichen Flügelkämpfen endlich abzulenken, hieße den Graben zwischen Mehrheit und Minderheit überbrücken. Dann ließe sich auch die Polarisierung abbauen, die Portugals junge Demokratie so gefährlich strapaziert.