DIE ZEIT: Wie würde das polnische Volk auf einen Einmarsch der Roten Armee reagieren?

Kolakowski: Daß die ganze Gesellschaft mit extremer Feindschaft reagieren würde, steht außer Zweifel. Die Frage ist vielmehr, ob auch die polnische Armee gegen die russischen Truppen kämpfen würde. Ich weiß es nicht. Die Armee ist jedenfalls ein Teil der polnischen Gesellschaft und kein Fremdkörper. Damit ist freilich nichts über die Möglichkeit eines effektiven Widerstandes gegen die Rote Armee gesagt.

DIE ZEIT: Wären Sie überrascht, wenn bei einer möglichen Invasion die Truppen der DDR mitmachen würden?

Kolakowski: Ich kann mir kaum vorstellen, daß die Russen so dumm sind, die ostdeutsche „Nationale Volksarmee“ in Polen mit einmarschieren zu lassen. Das wäre eine platte Wiederholung des Jahres 1939. Der polnische Widerstandsgeist würde noch mehr befeuert, so daß es mir unwahrscheinlich scheint, daß sich der Kreml dazu entschließt. Natürlich weiß ich nicht genau, was in den Köpfen der russischen Machthaber vorgeht.

DIE ZEIT: Viele Beobachter gehen davon aus, daß die Repression der polnischen Gewerkschaftsbewegung nicht durch Warschauer-Pakt-Truppen ausgeübt werden könnte, wohl aber durch die „bewährten“ Kräfte der polnischen Geheimpolizei. Welche Rolle spielt sie zur Zeit in Polen?

Kolakowski: Der Geheimpolizeiapparat ist weder zerfallen noch zur Unbeweglichkeit reduziert. Doch es ist ganz unwahrscheinlich, daß er genug Kräfte hat, um eine Bewegung von Millionen Bürgern zu ersticken.

DIE ZEIT: Wäre eine Invasion Polens der erste Schritt zu einem dritten Weltkrieg?