Von Cristina Peri-Rossi

Es war einmal ein Land in Südamerika, das als ein schon sprichwörtliches Gebilde galt. Seine Bewohner waren nicht unterernährt und nicht unterentwickelt, sie konnten lesen und schreiben und hatten eine verbriefte und respektierte Gedanken- und Meinungsfreiheit. Alle Kinder erhielten kostenlosen Schulunterricht, die Universität war weit gerühmt. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde ernst genommen: Für gleiche Arbeit gab es gleichen Lohn, und eine Frau, Mutter geworden, konnte auf eigenen Wunsch pensioniert werden. Die Regierung wurde in freien und geheimen Wahlen bestimmt, kurzum – diese liberale Demokratie war eine Oase inmitten der monstruösen Wirren Lateinamerikas, Uruguay.

Inzwischen hat die „Schweiz Lateinamerikas“ einen bürgerlichen Krieg erlebt, der noch immer nicht zu Ende ist; Und auf grausamste Art und Weise werden alle Dinge auf den Kopf gestellt. Die Freiheit geriet im Namen derselben zur perfekten Ohnmacht, ein Leben gilt nichts mehr. Nirgendwo wurde und wird so schnell und gründlich gefoltert. Kein Land Südamerikas hat seine Zuchthäuser so mit Gefangenen vollgestopft. Die Statistiken der Vereinten Nationen und Amnesty Internationais sind deutlich: Einer von fünfhundert Einwohnern steckt im Gefängnis, einer von zwanzig ist arbeitslos und ohne staatliche Unterstützung, einer von zwanzig ist emigriert und einer von achtzig ist gefoltert worden.

Uruguay zählte 1963 ungefähr drei Millionen Einwohner; Mord, Totschlag und Vertreibung reduzierte die Zahl auf schätzungsweise 2,5 Millionen. Eine phänomenale Ziffer, bedenkt man, daß die anderen Länder Lateinamerikas einen enormen Bevölkerungszuwachs verzeichnen. Das Elend von heute hat eine lange Vorgeschichte und ist ohne einen Blick auf die Vergangenheit nicht zu verstehen. Uruguay, am Rio de la Plata gelegen, 1515 von dem spanischen Seefahrer Juan Dias de Solis entdeckt, unterschied sich zu Anfang seiner Entwicklung nicht von dem Schicksal der Nachbarn. Die indianische Urbevölkerung (die garńas) war hinderlich undbald ausgerottet, auf ihrem Land entstand unter günstigen klimatischen Bedingungen – reichlich Regen und ein umfassendes Wassernetz – eine blühende Landwirtschaft. Nicht immer unumstritten; denn mal waren es Portugiesen, mal Engländer, die sich den spanischen Besitz allzugern einverleibt hätten. Im Jahre 1811 kämpfte eine Truppe aus armen Gauchos und Indios für die Unabhängigkeit. Diese Miliz nannte sich „Tupamaros“, ihr Anführer hieß José Artigas.

Dieser außergewöhnliche Caudillo war seiner Zeit weit voraus. 1813 forderte er eine Landreform, das „Land für den, der es bearbeitet“. Er plante eine Föderation mit Argentinien als Antwort auf die Bedrohungen Uruguays durch den nördlichen Nachbarn Brasilien. Diese Pläne schlugen fehl, und Artigas ging 1819 zusammen mit der Mehrheit der Tupamaros ins Exil nach Paraguay. „Tupac-Amaru“ hieß der legendäre letzte Inkaführer, der die Spanier hartnäckig in Peru bekämpfte und einen solchen Widerstand leistete, daß sein Name unvergessen blieb. Erneut aktuell wurde er 1963.

Doch zuvor mußte noch vieles passieren. Das meiste geschah friedlich, da Uruguay ein fast immer funktionierendes Zwei-Parteien-System besaß. Von 1860 bis 1956 wurde das Land von den Colorados regiert, Sieger in allen Wahlen. Sie repräsentierten die mittlere Bürgerschicht, besonders in Montevideo, das als Hauptstadt allein schon die Hälfte aller Uruguayer umfaßt. Nach dem Ende des Koreakrieges, der für viele Länder Lateinamerikas ein großes Wirtschaftswachstum ermöglicht hatte, begannen die Schwierigkeiten Uruguays. Bei den Wahlen 1956 errangen die Blancos die Mehrheit, die Konservativen, die besonders die Interessen der reichen Großgrundbesitzer repräsentierten.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes wuchsen, die Blancos hatten kein Rezept dagegen. Traditionsgemäß war und ist Uruguay ein Land der Viehzucht, der Export beschränkt sich auf Fleisch und Wolle. Alles andere muß importiert werden, es existiert keine eigene, nennenswerte Industrie. So glich die Entwicklung immer mehr der berühmten geöffneten Schere: der kleinere Hebel waren die eigenen, dem Preisverfall des Weltmarkts ausgesetzten Erzeugnisse, der größere hieß Importzwang und Preisdiktat von außen. Riesige Verschuldung und Inflation mit Raten von mehr als 150 Prozent folgten prompt. Bei diesem wirtschaftlichen Verfall des Landes wurden naturgemäß die Landbesitzer wenig, die zahlenmäßig große Mittelschicht dagegen hart getroffen. Von 1950 an ging es stetig schneller abwärts. Wilde Preissteigerungen, Arbeitslosigkeit und Kapitalflucht gipfelten schließlich in einer großen Krise, deren Folgen den größten Teil der Bevölkerung ungebremst erreichten. Die Politiker waren schwach und ohne Rezepte, die Meinungen radikalisierten und organisierten sich in zwei auseinanderdriftenden Gruppen. Die Oligarchien (etwa 500 Familien besitzen 40 Prozent des ganzen Landes, das zu 88 Prozent landwirtschaftlich nutzbar ist) und der Geldadel waren nicht bereit, die Krise mitzutragen. Sie investierten nicht. Die verarmende Bevölkerung verlangte die Neuverteilung brachliegenden Nutzlandes. Besonders heftig umstritten waren die aufgezwungenen Maßnahmen des Internationalen Währungsfonds. Nur ein totaler wirtschaftlichen Strukturwechsel, orientiert an den Bedürfnissen des Landes, schien vielen die Möglichkeit der Rettung zu geben.