Im Stuttgarter Theater steht ein Faß, mitten im Zuschauerraum, auf einem hölzernen Steg, der das Parkett in zwei Hälften zerteilt. Am Faß steht und hantiert ein bärtiger, kräftiger Kerl, der Schauspieler Walter Kreye, der den Junker Tobias von Rülp spielen wird – er schenkt Wein aus an das Publikum, in Plastikbechern, und macht dazu allerlei animierende Späße, ruft nach dem Bürgermeister, Herrn Rommel, dem Intendanten, Herrn Doll, nennt das gelbliche Gesöff "Krämer Nacktarsch".

In Stuttgart nämlich hat Günter Krämer Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" inszeniert, überaus einfallsreich, manchmal auch komisch. Das Publikum wird mit Wein beköstigt, mit goldenem Konfetti überschüttet, mit Turn-, Fecht- und Schlägerszenen erheitert, kurzum: mit Theatersdierzen gemästet.

Es findet außerdem, nebenbei, ein Stück über die Liebe statt, die in dieser Komödie Krankheit, Wahnsinn, Exzeß genannt wird. Es gibt eine ungewöhnliche Besetzung – Viola, das Mädchen, das sich als Knabe verkleidet, ist in Stuttgart ein Knabe, der ein Mädchen spielt, das einen Knaben spielt: Benno Ifland. Mit diesem aparten Einfall allerdings ist Krämers Interesse an der Figur auch schon weitgehend erloschen. Gegen die abendfüllend ausführlichen Späße der Komödianten kann sich Ifland, zart und zaghaft agierend, kaum behaupten. Aus einer Komödie über die Liebe wird eine Komödie ohne Liebe, eine Komödie über die Komödie.

Im Frankfurter Theater stehen über hundert Fässer, Petroleumfässer, silbergrau und rostrot schimmernd, an einer Seite der viereckigen Bühne zu einer Art Mauer hochgestapelt. In einem Faß ist Wasser: darin baden sich die Griechen, waschen sich die Amazonen; ein Krieger, von Sonnenbrand und Mückenstich geplagt, stürzt sich kopfüber hinein. Aus einem anderen Faß quillt Rauch; wie von einem Opferaltar – Penthesilea, die Amazonenkönigin, umschlingt das eiserne Gefäß mit ihren Schenkeln, gerät dabei in sinnlichen Aufruhr. Vielfältig sind die Fässer verwendbar: als Wurfgeschosse für die kindlichen Männer, wenn sie trainieren für das große Spiel Krieg, als Trommeln für die Amazonen, bevor sie schreiend in die Schlacht sich stürzen.

In Frankfurt hat Wilfried Minks Heinrich von Kleists "Penthesilea" inszeniert; manchmal einfallsreich und auch ein bißchen komisch. Das Stück über die Liebe, die auch Kleist sich nur als Wahnsinn, Krankheit und Exzeß vorstellen kann, findet nicht einmal nebenbei noch statt. Dabei hatte sich auch Minks eine ausgefallene Besetzung ausgedacht: die Penthesilea spielte Manuela Alphons, eine schmale, blonde, eher nervös-zeitgenössische als heroisch-monumentale Frau. Und den Achill spielte Michael Altmann, als spielte er ihn nicht – brummig, träge, desinteressiert, von seinem Regisseur (der auch ein bedenkenloser Kleist-Bearbeiter ist) nahezu seines gesamten Textes und nahezu seines gesamten Talentes beraubt.

Von beiden Aufführungen könnte man viel erzählen; an hübschen, amüsanten, auch poetischen Kleinigkeiten ist kein Mangel. Von keiner der beiden Aufführungen möchte man viel erzählen, weil das ein Bericht über die Leere würde – über die Abwesenheit von größeren, fremderen, gewaltsameren Gefühlen.

"Fürwahr! Ein Traum, geträumt in Morgenstunden / Scheint mir wahrhafter als der Augenblick", sagt Achilles in "Penthesilea". "Wo weht dies her? Ich faß es kaum / Bin ich im Wahnsinn, oder ist’s ein Traum?" sagt Sebastian in "Was ihr wollt". In beiden Stücken steht, was beiden Aufführungen fehlt: eine Phantasie für die Innenwelt der Stücke, die Nachtwelt der Gefühle, ein Sinn nicht nur für die angenehme äußere Ausstattung. Schlau, hemdsärmlig, neckisch, sentimental – so nähern sich die beiden Herren Regisseure den Klassikern. Die schlagen nicht zurück – sondern schweigen.