Von Carl-Christian Kaiser

Bonn‚ im Dezember

In diesen Tagen besteht Klaus Bölling noch einmal eine jener Strapazen, die sein Amt stets für ihn bereitgehalten hat: Noch einmal macht er in Bonn die Runde, vor allem bei seiner speziellen Klientel, den Journalisten. Kaum einer ihrer vielen Zirkel, der ihn nicht zu Abschiedsehren bäte. Bis zum Montag sitzt der Sprecher der Bundesregierung noch auf seinem Stuhl; dann folgt ihm Kurt Becker nach, der Bölling in den letzten drei Wochen schon über die Schulter gesehen hat.

Sehr feierlich geht es bei der Abschiedsrunde nicht zu; dazu haben Journalisten kein Talent. Aber ein wenig Nostalgie ist doch im Spiel. Sechseinhalb Jahre ununterbrochen auf dem Platz des Regierungssprechers, länger als jeder seiner Vorgänger, das ist ein wesentlicher Teil der Biographie Böllings geworden, wahrscheinlich der wesentlichste. Und umgekehrt haben sich die Journalisten, wie noch mit jedem Regierungssprecher, mit Bölling zu oft auseinandergesetzt, als daß sie ihn nun achselzuckend ziehen lassen würden.

Sie haben es ihm keineswegs immer leichtgemacht, schon gar nicht in jenen Anfangswochen des Jahre 1947 als Bölling sich durch den frischgebackenen Kanzler Helmut Schmidt ziemlich unvermittelt vom Intendantenposten bei Radio Bremen an die Spitze des Presseamts geholt fand. Da war das wohletablierte Bonner Pressekorps durchaus zur Arroganz fähig: gegenüber einem Neuling, ein ausgewiesener Kollege zwar, bekannt vor allem durch seine engagierten und kritischen Fernsehberichte aus dem Amerika des Vietnam-Krieges, aber auf dem Bonner Parkett doch gänzlich unerfahren. „Wie Parzival herumgestolpert ist Bölling damals, nach eigenem Eingeständnis.

Aber umgekehrt hat auch er es seiner Klientel nicht immer leichtgemacht. Die empfindsame Abwehr allzu hemdsärmeliger Fragesteller, auch intellektuelle Ungeduld gegenüber mancher Begriffsstutzigkeit – das konnte bei aller Höflichkeit, die ihn selten verließ, doch ebenso wie ein Anflug von Hochmut wirken. Einigen ging auch sein nimmermüdes Werben für seinen Kanzler auf die Nerven, selbst wenn sich der Herold für diese Affinität beinahe ironisch zu entschuldigen pflegte. Und was am Anfang wie ein Zeichen von Unsicherheit erschien, die sorgsam zubereiteten, mit vielen Fremdworten und Bildungsvokabeln garnierten Sätze, das erwies sich als ein Wesenszug: Je sicherer Bölling im Metier wurde, um so besser verstand er es, sich, wenn nötig, mit wohlgesetzter Rede über den schwierigen politischen Parcours zu schlängeln. Er selber nennt sich einen Sprachästheten.

Das ließ in der Bundes-Pressekonferenz, der dreimal wöchentlichen Versammlung der Bonner Journalisten mit den Sprechern der Regierung und der Ministerien, manchen auf seinem Sitz unruhig werden. Der Informationsfluß werde immer dürftiger, hieß es.