Von Midiaei Naumann, Josef Joffe und Manfred Weber

Hamburg/Washington, im Dezember

Das rote Telephon schrillte gegen zwei Uhr morgens neben dem Bett des Oberbefehlshabers der VII. US-Armee in Frankfurt, Drei-Sterne-General James H. Polk: „Am anderen Ende sprach der Kommandeur der amerikanischen Truppen in Berlin. Seine Worte zur Sache waren kurz. Sie waren meine erste Unterrichtung von den Ereignissen.“

Der Amerikaner in Berlin hatte – von Schlaflosigkeit geplagt – zur nächtlichen Stunde den stets munteren Soldatensender American Forces Network (AFN) eingeschaltet. Zwischen Rhythm and Blues verbreitete ein Nachrichtensprecher die lapidare Blitzmeldung des Prager AP-Korrespondenten: „Die Sowjets rücken in die ČSSR ein.“ Man schrieb den 21. August 1968.

General Polk erinnert sich ein Jahrzehnt später der peinlichen Gefühle, die ihn ob derlei ziviler Nachrichtenübermittlung überfielen. „Wir waren vom Zeitpunkt und der Intensität der Invasion überrascht. Es war August. Die meisten Verteidigungsminister der Nato und deren Stäbe waren in Urlaub, über ganz Europa verteilt.“

Im Jahre 1980 würde eine Invasion der Roten Armee im nächsten sozialistischen Bruderstaat niemanden mehr überraschen. Im Gegenteil. Am vorigen Sonntag faßte Präsident Carter den Erkenntnisstand seiner Nachrichtendienste über die Lage rings um Polen zusammen: „Die Vorbereitungen für eine mögliche sowjetische Intervention scheinen abgeschlossen zu sein. Wir hoffen, daß eine solche Intervention nicht stattfinden wird.“

Doch In Wirklichkeit glauben in Washington immer weniger Experten an die besänftigenden Worte der Moskauer Gipfelkonferenz vom vorigen Freitag, welche die Polen-Krise offensichtlich entschärfen sollten.