Von Klaus-Peter Schmid

Monatelang kaufte an der Pariser Börse ein Unbekannter Aktien des Medienkonzerns Hachette auf – und alle Welt rätselte darüber, wer an dem in letzter Zeit nicht gerade gewinnträchtigen Unternehmen interessiert sein könnte. Gewiß, Hachette ist mit 6,3 Milliarden Francs Umsatz der weitaus dickste Fisch der Verlagsbranche, seine Interessen reichen von Büchern über Boulevardzeitungen und Mickymaus-Heftchen bis zu den zukunftsträchtigen Video-Techniken. Doch wer investiert schon ins marode Verlagsgeschäft?

Am Dienstag dieser Woche wurde das Geheimnis gelüftet: der große Unbekannte, heißt Matra. Die Unternehmensgruppe aus dem Pariser Vorort Vélizy hat einen Anteil von 35 Prozent des Hachette-Kapitals gekauft. Da der nach Matra größte Aktionär nur fünf Prozent hält, hat Matra künftig das Sagen. Der Raketen- und Autobauer ist damit über Nacht zu Frankreichs größtem Medienkonzen aufgestiegen und alle sind sich einig, daß hinter diesem spektakulären Coup ein Mann zu suchen ist: Jean-Luc Lagardère, Generaldirektor der Matra-Gruppe.

„Wenn es ein Unternehmen gibt“, schrieb das Magazin L’Expansion, „dessen Geschichte einem Comic strip ähnelt, dann ist es Matra.“ Lagardire wäre darin der Supermann, den alle bewundern, weil er alles kann. Der Nouvel Economiste ernannte ihn vor einem Jahr zum Manager des Jahres. Jetzt avancierte er bei einer Umfrage von L’Expansion auch noch zum Spitzenreiter auf der Hitliste der „sympathischsten Chefs“ an der Spitze des „sympathischsten Unternehmens“.

Der Mann ist in der Tat nicht ohne: Typ sportlicher Playboy, dichter schwarzer Haarschopf, dunkle buschige Augenbrauen und das Lächeln eines Filmhelden in den besten Jahren (er ist 52). Auch sein Unternehmen hat etwas zu bieten: vier Milliarden Francs Gruppenumsatz (1979), gut zweihundert Millionen Francs – Reingewinn, 203000 Mitarbeiter, die Aktie ein Renner an der Börse und beste Aussichten für die nächsten Jahre.

Die Erfolgsgeschichte von Matra beginnt 1938 in einem Pariser Vorort. Der Ingenieur Marcel Chassagny, heute 77 und Ehrenpräsident der Firma Matra, versucht sich im Bau von Flugkörpern und Waffen. Er übersteht den Krieg und gewinnt nach 1945 die Armee als Kunden. Matra entwickelt taktische Raketen, die erste (Typenbezeichnung M 04 Nr. 1) wird 1950 erprobt. Fünf Jahre später geht der erste Großauftrag ein: zwölftausend Raketen für Frankreichs Armee.

1957 kauft sich Sylvain Floirat bei Matra ein, schon damals mit 58 Jahren einer der Großen der französischen Industrie. Der neue Herr im Haus ist ein selbstbewußter Autokrat, ein eher rarer Vogel in den Pariser Chefetagen, die sonst von Eliteschülern und Konformisten bevölkert werden. Der Multimillionär hat als Lehrling bei einem Wagenmacher im heimatlichen Perigord angefangen, wo er sich heute noch um Lokalpolitik und den Anbau von Trüffeln kümmert.