F. J. R.: Sie sind bekanntlich kein besonderer Brecht-Verehrer, es gibt eher distanzierende Bemerkungen von Ihnen gegenüber der Person und dem Werk Bertolt Brechts. Trotzdem fand ich in einem Ihrer Gedichte Zeilen, die fast wörtlich an Brechts Dictum von den Zeiten erinnern, da es, nahezu ein Verbrechen sei, an Bäume zu denken.

Milosz: In einem Gedicht von mir findet sich das?

F. J. R.: Ja, es heißt „Armer Poet“, und die Zeilen lauten: „Und der Geruch dieses Baumes ist schamlos, denn dort, auf realer Erde,/Wachsen nicht solche Bäume, und der Geruch dieses Baumes/ist, als würde man leidende Menschen mißachten.“ Warum ich das zitiere: Ich möchte Sie fragen, ob diese Sätze lediglich die Situation des Entstehungsjahres 1943 umreißen, oder ob sie, pars pro toto, als Ihr poetisches Konzept zu verstehen sind.

Milosz: Beides. Solche Zeilen definieren einen historischen Augenblick – und sind damit ähnlich den Arbeiten vieler polnischer Autoren, denken Sie etwa an Borowski, aber, sie führen, auch ein poetisches Bekenntnis vor; ich fühlte und fühle mich überwältigt von der Geschichte. Solche Sätze drücken meine moralische Teilhabe aus und meinen Zorn; Dichter sollten mit Geschichte nicht auf diese Weise konfrontiert werden.

F. J. R.: Ein wichtiges Wort: moralische Teilhabe. Soweit ich Ihr lyrisches Œuvre kenne, ist es von ihr getragen; und von diesem Gedanken: So sollte die Welt nicht sein. Man sollte sie ändern. Sind Sie das, was man einen „engagierten Schriftsteller“ nennt?

Milosz: Hm. Im Grunde bin ich strikt gegen programmatisches Engagement, besonders etwa der sogenannten „neuen Linken“. Sie sprechen zwar zu Recht von diesem moralistischen Element in meiner Lyrik – aber das ist entstanden unter Druck; es ist meiner Natur zuwider, ich fühle mich da eher gezwungen, vergewaltigt. Würde man das als meinen „Entwurf“ verstehen, das wäre entsetzlich. Es gibt solche Gedichte, aber sie sind nur Zeugnis von Irrläufen der Geschichte, in die der Poet eingesperrt war.

F. J. R.: Darf ich Ihnen noch einmal eines Ihrer Gedichte entgegenhalten? Es heißt „Vorwort“ und enthält diese Zeilen: „Was ist eine Poesie, die weder Völker / noch Menschen errettet? / Eine Genossenschaft amtlicher Lügen, / ein Singsang von Säufern, denen bald jemand die Kehle durchschneiden wird, / Ein Lesestückchen aus einer Gartenlaube.“ Das sind nicht nur deutliche, sondern starke, gar denunziatorische Worte, „Genossenschaft“, „Gartenlaube“. Ins Banale übersetzt steht da: Literatur, die sich nicht auf kritische Auseinandersetzung mit Zeit und Realität einläßt, ist trivial, Kitsch.