Von Heinrich von Tiedemann

Sanfter Schrecken schon beim Frühstück. „Tee kann Krebs erzeugen.“ Die Schlagzeile verdrängt Afghanistan und den Mittleren Osten. Aus der Tasse mit dem Aufguß der „camellia thei’fera“ duftet es bitter. Draußen fällt Schnee, die Meisen turnen am Futterball. Der Hund weigert sich, vor die Tür zu gehen. Das Radio verbreitet ein Interview mit Professor Cyril Northcote Parkinson, der den Schweden empfiehlt, sich an Margaret Thatcher und Ronald Reagan ein Beispiel zu nehmen: erst Wohlstand, dann Vollbeschäftigung. Zurück zur Zeitung. Der Aufsichtsrat der Steuerbehörde schlägt vor, von 1984 an alle privaten Bank- und Sparkonten zur Kontrolle freizugeben. 1984?

Schweden im Frühwinter. Am Wetter allein kann es nicht liegen, daß die grauen Töne überwiegen. Es gibt ja auch erfreuliche Nachrichten. Zum Beispiel, daß man bei abwechslungsreicher Ernährung durchaus gesund bleiben kann. Das ist glaubwürdig, kommt solche Tröstung doch aus dem Munde des Generaldirektors des staatlichen Lebensmittelamtes, und der muß es schließlich wissen. Aber, so fragt man sich besorgt, stimmt seine optimistische und lebensbejahende Auffassung auch mit den Analysen der Sozialbehörde (im folgenden korrekt „Socialstyrelsen“ genannt) überein? Die ist ja letztlich dafür verantwortlich und zuständig, was uns gut und was uns wehe tut. Der Generaldirektor ist ein kritischer Mensch und bemängelt die unzureichende Zusammenarbeit zwischen den Ämtern, die unermüdlich schaffen, um unser Wohlbefinden zu steigern. Früher, so erinnert sich der Behördenchef ohne Wehmut, konnte man die Qualität der angebotenen Nahrungsmittel noch eigenhändig und -näsig auf ihre Frische und Beschaffenheit prüfen. Das ist, dank(!) der Kunststoffverpackung heute (gottlob?) nicht mehr möglich. Darum bedarf es der Behörden, die dem Verbraucher die lästige Prozedur des Betastens und Schnüffeins abnehmen. Wer wünscht sich wohl die Zeit zurück, da man, statt des leuchtend roten, noch fahles, abgehangenes Fleisch kaufen konnte? Oder gar zähes, durchsäuert Brot und nicht blendend weißes, das an einen geplatzten Handball erinnert?

Von letzterem sollten wir allerdings mindestens acht Scheiben am Tag essen, so gebietet es Socialstyrelsen, und die Medien, ob gedruckt oder elektronisch wirksam, befördern die Botschaft unverdrossen zu ihren Kunden. Kein Tag vergeht, an dem nicht auf die allerorts lauernden Gefahren des täglichen Lebens hingewiesen wird. Denn es ist die Pflicht des Gemeinwesens und ihrer mit Steuergeldern bezahlten Beauftragten, den Bürger vor Schaden zu bewahren. Kann er denn wissen, ob im grünen Wackelpudding möglicherweise trotz aller prophylaktischen Kontrollen nicht ein bösartiger Krankheitserreger sein Unwesen treibt? Natürlich nicht. Dazu bedarf es eines wissenschaftlichen Gutachtens, und das wird ihm geliefert, späteres Dementi nicht ausgeschlossen. Einmal im Fernsehen im Hauptabendprogramm von der Moderatorin mit ernster Miene entlarvt, ist der Wackelpudding weg vom Fenster. „Was, den essen Sie noch?“ wird dem ahnungslosen Gastgeber, der die Nachrichten versäumt hat, von seinen Gästen entgegengehalten. Man lacht verlegen. „Das glauben Sie alles?“

Socialstyrelsen lacht nicht. Sie ist streng und nicht allein. Im Reichstag sitzen 349 Abgeordnete von fünf Parteien. Auch sie sind streng und sammeln Mehrheiten, wenn es um neue Gebote und Verbote geht. Ob sie immer die Mehrheit des Volkes repräsentieren, wenn sie den Zeigefinger heben, ist fraglich. Sicher nicht, als sie das „Zwischenbier“, ein Gebräu von 3,8 Prozent Alkoholgehalt verbannten. Aber das wird noch relativ klaglos hingenommen, denn mit dem Alkohol, hierzulande pauschal „Sprit“ genannt, ist nicht zu spaßen. Ob es etwas nützt? Soviel trinken die Schweden gar nicht, wie die Statistik, allem Anschein zum Trotz, ausweist. Immerhin befleißigen sich auch die gewählten und beamteten Staatsdiener seit einiger Zeit selbstverordneter Enthaltsamkeit. Statt Cognac und Whisky gibt es auf Staatsempfängen nur noch bestenfalls Campari und Sekt.

Mußten aber auch die Spielautomaten, die einarmigen Banditen, auf den Index wie das Berufsboxen oder gar Pippi Langstrumpf? Tatsächlich ist die Filmversion der weltberühmten Bücher Astrid Lindgrens vom zuständigen Zensor als für Kinder nicht geeignet bezeichnet und aus dem Programm gestrichen worden. Pippi, so das Urteil, existiere in einem sozialen und gesellschaftlichen Vakuum, ihre Protesthaltung richte sich gegen niemanden und nichts. Dabei ist Pippi Langstrumpf – sie trägt bekanntlich zwei verschiedenfarbige Strümpfe – so etwas wie eine schwedische Marianne, steht für Unordnung und frühes Glück. Die Rebellion gegen das brave, konformistische Dasein, gegen die allumfassende Watteverpackung, gegen die fürsorgliche Hand, die zugreift, bevor man noch, stolpern kann, ist ungemein lebendig. Sie inspiriert Literaten und Kabarettisten, manchmal sogar Journalisten, seltener jedoch die Politiker.

Die Soziologen und Historiker bescheinigen dem Schweden genüßlich klumpigen Humor und, fossilen Untertanengeist. Besonders diese latente Autoritätsgläubigkeit, in Jahrhunderten feudaler und feudalistischer Herrschaft geprägt, begünstige die Entwicklung sozialen Gehorsams. Der wiederum, so wird diagnostiziert, habe, es überhaupt ermöglicht, einen so perfekten Wohlfahrtsstaat im Zeitraum weniger Generationen aufzubauen: Gesellschaftliche Disziplin und Vertrauen in den gesunden Menschenverstand der Regierenden paaren sich mit demokratischer Toleranz. Und Akkuratesse, wohlgemerkt. „Wir sind so schrecklich effektiv“, seufzt der Soziologieprofessor Joachim Israel, Dozent in Lund, aber wohnhaft in Kopenhagen, während einer Diskussion über die schwedische Verbotsmentalität. Wer würde ihm da widersprechen. Die Sozialdemokraten haben doch, so Israel, so schnell wie möglich die alten Klassenprivilegien aufheben, der Gleichheit und Gleichberechtigung eine Bresche schlagen wollen, dabei freilich drohe die wärmende Solidarität unter dem bürokratischen Eifer abzukühlen.