Von Karl-Heinz Janßen

Der Zufall entschied über eine der imposantesten Blitzkarrieren unserer Republik: Als dem jungen Doktor juris Richard Meier, der als Assessor bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal angefangen hatte, eine Tochter geboren wurde, teilte er das freudige Ereignis auch einem Bekannten mit, den er etwas aus den Augen verloren hatte. Der Adressat entpuppte sich als Beamter des Verfassungsschutzes; er lud ihn ein, ins neue Bundesamt nach Köln überzuwechseln, wo man beim Aufbau des Nachrichtendienstes tüchtige Volljuristen brauchte. Meier, noch keine 30 Jahre alt, überlegte nicht lange und sagte der Provinz ade. Mit 36 war er bereits Abteilungsleiter, mit 42 erhielt er eine Schlüsselposition im Bundesnachrichtendienst (BND), mit 47 wurde er Verfassungsschutzpräsident, und nun, mit 53, soll er BND-Chef werden.

„Weder ungeduldig noch gespannt“ wartet Meier auf die Entscheidung in Bonn. Auch wenn der geborene Münchner in heimatliche Gefilde zurückkehrt, näher den geliebten Bergen, so hat er doch in Köln gern gelebt, einer Stadt, deren Panorama, deren Geschichte und deren Kunstschätze ihn. faszinieren. Aber er kennt die Gefahren der Routine zu gut, als daß ihn die Herausforderung des neuen Amtes nicht reizte. Nach den Generälen Gehlen und Wessel und dem Genscher-Vertrauten Kinkel, der neuer Koordinator der-, drei Geheimdienste werden soll, wäre Meier der zweite Zivilist auf dem BND-Posten. Aber ihm geht der gute Ruf eines Profis voraus. Vor allem: Meier kennt sich in Pullach aus. Von 1970 bis 1975 hat er dort das wichtigste Ressort geleitet; die Abteilung Beschaffung; sie organisiert das bundesdeutsche Agentennetz im Ausland und in der DDR.

In den letzten Amtsjahren des legendären Präsidenten Gehlen war der BND ziemlich heruntergewirtschaftet worden. Ausbleibende Informationen versuchte man durch Schreibtischdossiers zu ersetzen. Abteilungsleiter Meier räumte unnachsichtig mit dieser Praxis auf. Es könne doch nicht Aufgabe des BND sein, so schärfte er seinen Mitarbeitern ein, brillante Analysen ausgezeichneten Journalisten, also „offenen Stoff“, „nur mit einer weiteren Meinung zu multiplizieren“. Langsam aber stetig begannen unter Meiers Ägide die verschütteten Quellen wieder zu fließen.

Sein Erfolg empfahl ihn der sozial-liberalen Koalition für höhere Aufgaben, als im Herbst 1975 ein Nachfolger für den Verfassungsschutzpräsidenten Günther Nollau gesucht wurde. Anders als Nollau, der den Sozialdemokraten nahestand, gehört Meier keiner Partei an. Er hatte zwar früher ein paar Jahre in der Jungen Union mitgetan, jedoch schon als Abteilungsleiter in Köln sein Parteibuch zurückgegeben, weil parteipolitische Zurechenbarkeit seinem Amtsverständnis zuwider ist.

Präsident Meier hat demonstriert, daß man preußische Tugenden verkörpern kann, auch wenn man aus Bayern stammt. Er ist der Typ des Bilderbuchbeamten: loyal, doch mit Mut zum Widerspruch, verschwiegen, korrekt, sachgerecht. Wem das Wort preußisch zu altbacken klingt, der mag ihn zur Riege jener „Macher“ zählen, die aus der unbelasteten Generation der Luftwaffenhelfer hervorgegangen sind und die man im Bonner Kabinett, in Amtsstuben, Redaktionen und Rektoratszimmern antrifft, unverkennbar in ihrer Art: so intelligent wie zielstrebig, ihr Metier bis ins letzte Detail beherrschend, mit sicherem Gefühl für Qualität, kühl-geschäftsmäßig und weltgewandt, viel von ihren Untergebenen fordernd, doch leicht ungeduldig, ja sarkastisch, so sie auf Weitschweifigkeit, Schlamperei oder Dummheit stoßen.

Die zum Prinzip erhobene Unauffälligkeit kommt den Neigungen des Geheimdienstchefs Meier entgegen. Er kleidet sich mit unaufdringlicher Eleganz, reist gern inkognito. und schirmt sein Privatleben vor der Öffentlichkeit ab. Wie ein preußischer Generalstäbler huldigt er dem Grundsatz, daß Angehörige des Amtes keine Namen haben. Als sich vor vielen Jahren bei einem Landesverratsprozeß vor dem Bundesgerichtshof, zu dem der Verfassungsschützer Meier als Sachverständiger geladen war, ein Richter nicht an diese Regel hielt, gar penibel wissen wollte, ob er sich denn nun „mit ei oder ai“ schreibe, rettete sich Meier geistesgegenwärtig mit einem „Ganz wie Sie wünschen“.