Von Dietrich Strothmann

Es läßt sich pausenlos staunend, überwältigt zitieren: "... so daß ich mir nichts anderes wünsche, als nur eine Ackerkrume zu sein oder ein Stückchen von einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit." So schrieb das Mädchen, 19 Jahre alt, dem Freund an die Front. Und sie schrieb ihm, ein paar Monate darauf, dann auch: "Ich finde, daß immer Gerechtigkeit höher steht, als jede andere, oft sentimentale Anhänglichkeit." Sie hatte gerade ihr Abitur hinter sich gebracht und arbeitete im "Kriegshilfsdienst" als Kindergärtnerin.

Zwei Jahre später – sie studierte in München, der Plan, zusammen mit ihrem älteren Bruder etwas gegen das Verbrechen der Hitler-Herrschaft zu tun, war bereits in die Tat umgesetzt worden – notierte das Mädchen in ihr Tagebuch: "Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute nacht alle vernichten. Und dann wäre meine Schuld nicht kleiner, als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde." Ein paar Monate später ist das Mädchen unter dem Fallbeil.

Zwei Tage vor ihrer Verhaftung durch die Gestapo hatte sie einem Bekannten gegenüber noch gesagt: "Es fallen so viele Menschen für dieses Regime, es wird Zeit, daß jemand dagegen fällt." Dagegen ist Sophie Scholl, 21 Jahre alt, nocham lag ihres Prozesses sind Urteils gefallen: am 22. Februar 1943, nur vier Tage nachdem, sie mit ihrem Bruder Hans in der Münchner Universität aufgegriffen worden war, denunziert vom Hausmeister, der die beiden beobachtet hatte, wie sie aus einem Koffer Flugblätter in den Lichthof warfen und der von den Henkern für seinen Verrat mit dreitausend Mark belohnt wurde. Es war derselbe Tag, an dem Josef Goebbels die Deutschen fragte: "Wollt ihr den totalen Krieg?"

Ihr Tod ist so klar wie ihre Tat, mit sechs Flugblättern der "Weißen Rose" gegen das Unrecht aufzustehen – aber schwierig ist es noch immer zu begreifen, dahinterzukommen, warum gerade sie es taten; noch schwieriger muß es darum auch immer wieder sein, es zutreffend zu beschreiben, der Nachwelt angemessen zu überliefern: Entweder dokumentarisch nüchtern wie, für Jugendliche vor allem,

Hermann Vinke: "Das kurze Leben der Sophie Scholl"; Otto Maier Verlag, Ravensburg 1980; 190 S., 16,80 DM

oder breit-journalistisch erzählend, mit flüchtigen Rahmen-Kommentaren ausgeschmückt ein Amerikaner