Deine rechte Hand berührt das Gestern / und Deine linke / die ferne Zukunft, / wenn Du Saz spielst“ – mit diesem blumigen Vierzeiler umschrieb ein Landsmann die Musik des türkischen Liedermachers und Volksliedsängers Zülfü Livaneli. Saz, ein langhalsiges Saiteninstrument mit langer Tradition, ist das „Instrument des Volkes“ in der Türkei. Und Livaneli ist mit seinen Saz-Kompositionen, den vertonten Liedern des engagierten und verfolgten Dichters Nazim Hikmet, der Sänger des Volkes. Eine seiner Schallplatten, „Nazims Lieder“ („Nasim türküsü“), war in der letzten Zeit des liberalen Ministerpräsidenten Ecevit zwanzig Wochen lang die Nummer eins in der Türkei.

Am letzten Freitagabend trat Zülfü Livaneli in Hamburg auf. Das „Kommunikationszentrum am Hauptbahnhof“, die Markthalle, war ausverkauft. Unter den etwa tausend Menschen, vorwiegend Türken jeglichen Alters, die mit ganzen Familien und Schulklassen gekommen waren, sah man auch an die dreihundert Hamburger, die trotz Kälte und eisglatter Straßen zu dieser Musik der „dritten Art“ gefunden hatten.

Sie wurden gleich mit dem ersten Lied von der türkischen Gemeinde aufgenommen, die mitsang, im Rhythmus mitklatschte, im Takt pfiff und enthusiastisch applaudierte. So erfuhren sie eine scheinbar eintönige, sonderbar anmutende Melodik mit ungewöhnlich synkopierten Rhythmen und fremdartigen Harmonien, die sie aber schon im nächsten Moment zum Mitsummen und Mitklatschen bewegte. Livaneli hat eine warme, vibrierende Stimme; seine Lieder, zu denen er das Saz spielt, werden von Kontrabaß und Schlagzeug, auch von Vibraphon, Geige oder Flöte begleitet. „Wer türkische Lieder zu verstehen lernt, der wird auch unsere Mentalität besser verstehen können“, sagt Livaneli. In einem türkischen Kulturmagazin plädierte er unter dem Titel „Warum gefallen wir ihnen nicht“ für eine kulturelle Öffnung zum Westen hin, ohne dabei die Merkmale der türkischen Musik zu verleugnen.

Livaneli, ein sanfter, etwas lehrerhaft wirkender Mann von 34 Jahren, singt dann und wann zusammen mit der Griechin Maria Farantouri, so in diesem Sommer in Athen, wo sie Nazim Hikmets Lieder auf griechisch vortrug und er die Lieder von Jannos Ritzos auf türkisch. Er ist ein Barde, der die Sprache des Volkes spricht; er ruft längst vergessene Volkslieder und Balladen in Erinnerung, die vom Kampf gegen die Unterdrückung erzählen. Als er unter der Militärdiktatur von 1971 bis 1973 mehrmals in Ankara im Gefängnis saß, habe er, sagt er, begriffen, daß sein intellektuell geführter Kampf gegen die Faschisten in der Türkei die eigentlichen Betroffenen, das Volk, gar nicht erreichen könne. Er hörte deshalb auf, Literatur zu verlegen; er notierte statt dessen mündlich überlieferte Texte alter Balladen und lernte Saz spielen.

Vor seiner vierten Verhaftung emigrierte er nach Schweden. Seine erste Schallplatte erschien in Belgien; sie entnichttürkische Revolutionslieder aus mehreren Jahrhunderten und war in der Türkei verboten. Erst in den zwei Regierungsjahren Ecevits konnte er seine Platten auch zu Hause pressen lassen, zwei Jahre lang. Er schrieb für insgesamt neun Filme die Musik, unter anderem für „Sürü“ („Die Herde“), der 1979 den ersten Preis in Locarno erhielt, und für Helma Sanders Film „Shirins Hochzeit“. Seine Gedichte und Kurzgeschichten erlebten in Istanbul mehrere Auflagen. In der Bundesrepublik sind inzwischen bei Ariola drei Schallplatten (mit beigelegten deutschen Texten) erschienen.

Sein Exil bedeutet für ihn die Begegnung von Okzident und Orient. Verständnis für seine Hoffnung auf die sich verbindenden, Kulturen glaubt er. in Hamburg am besten finden zu können, wohin er im Januar von Stockholm umziehen wird. Zu seinen Erfahrungen hierzulande sagte er: „Für mich war das eine Offenbarung: Deutsche sangen unsere schwermütigen Weisen. Es ist also doch möglich, daß unsere Musik im Westen angenommen werden kann.“ Ein Liedermacher aus der Türkei in Hamburg? Warum nicht? Danja Antonovic