Der Beatle John Lennon ist tot, und sehr viel grausiger als er kann man nicht sterben. Am späten Montag abend gegen elf Uhr kam er von Schallplattenaufnahmen aus dem Studio zurück. Als er die Halle seines New Yorker Appartmenthauses betrat, fragte ihn ein 25jähriger: „Sind Sie John Lennon?“ und als der „Ja“ hörte, feuerte er fünf Schüsse auf den Musiker ab. Der Portier fragte entsetzt: „Wissen Sie, was Sie da getan haben?“ Die Antwort war: „Ich habe gerade John Lennon erschossen.“

Auch wenn George Harrison der erste gewesen ist, der den Beatmusikern aus Liverpool die Welt fernöstlicher Meditation nahe gebracht hat, lebt John Lennon im Gedächtnis aller Musikfreunde als der Ober-Guru der Beatles, als der leitende Pilzkopf fort. Am 9. Oktober dieses Jahres hatte er seinen 40. Geburtstag gefeiert.

Man hat sich angewöhnt, den Gruppensound der Beatles als eine Selbstverständlichkeit hinzunehmen; aber der Zusammenklang dreier Gitarren, eines Melodie-, eines Rhythmus- und eines Baß-Instrumentes mit dem Schlagzeug hat die Welt verändert. Die Melodien und Texte, die Lennon zusammen mit Paul McCartney geschrieben hat, sind zu Evergreens geworden. Lange hat man gerätselt, bei welchen Stücken der Anteil des einen, bei welchen der des anderen größer gewesen sei. Als die Beatles noch in proletarischer Solidarität ihr Gruppenbewußtsein betonten, haben sie das verschleiert; bald jedoch sickerte durch, daß die aggressiveren, die härteren und sardonisch-witzigeren Lieder von Lennon stammten. Kein Wunder, daß dieser Mann auch als Autor skurril-surrealistischer Prosabände aufhorchen ließ: „In this gone right“ und „A spaniard in the works“.

Die Stationen dieses Lebens sind längst Geschichte: der Durchbruch auf. der Hamburger Reeperbahn, die komödiantisch-aufsässigen Filme Richard Lesters, die großen Tourneen durch Amerika und Deutschland in der Mitte der sechziger Jahre und schließlich das Verdämmern der Gruppe in Drogen und Zerwürfnissen, die Auflösung vor einem Jahrzehnt und schließlich die Ehe John Lennons mit der japanischen Happening-Künstlerin Yoko Ono, die selbstbewußt dafür sorgte, daß er sein eigenes, ganz ihr verpflichtetes Leben führte.

Der Wunschtraum aller Rockfreunde, die Hoffnung, die Beatles mögen noch einmal zusammen auftreten, ist nun ausgeträumt. Wer ein paar persönliche Erinnerungen an John Lennon hat, trauert natürlich vor allem um den großen Erneuerer der Popular-Musik unserer Tage, aber er denkt auch an den schlagfertigen Musikanten, der im Juni 1966 während der Deutschland-Tournee zudringliche Interviewer in ihre Grenzen wies. „Welche Träume haben Sie?“ Seine Antwort: „Dieselben wie Sie, nur sind wir reicher – „John, halten Sie Ihr Buch für Literatur, oder haben Sie es aus Spaß geschrieben?“ Er fragte zurück: ,, Muß das eine das andere ausschließen?“ Werner Burkhardt