Von Sylvia Brandis

Anschauungsunterricht ist für den Studenten eines medizinischen Faches in vieler Hinsicht unentbehrlich und – denkt man zum Beispiel an die Hundeleichen in der Veterinäranatomie – leider nicht immer nur am lebenden Objekt möglich. Die spätere Fähigkeit, zu heilen und zu helfen, fordert zunächst einmal Opfer; die Erhaltung kommenden Lebens setzt im Sinne des Lern- und Erkenntnisprozesses die Zerstörung vorhandenen Lebens voraus. Ein Gedankengang, mit dem man sich – zumal als tierliebender Mensch – nur schwerlich befreundet. Es gibt allerdings Fälle, in denen es weitaus mehr als Tierliebe und Sentimentalität ist, was zu Unbehagen, Empörung und Zorn herausfordert.

Gemeint sind die Versuche, für die an deutschen Universitäten im Rahmen des physiologischen Unterrichts Woche für Woche Dutzende von Fröschen buchstäblich ihren Kopf hinhalten müssen. Die Versuche dienen laut einer von Veterinärmedizinern der Freien Universität Berlin herausgegebenen Arbeitsanleitung dazu, „elementare Lehrsätze experimentell zu verifizieren und durch eigene Anschauung dem Gedächtnis besser einzuprägen“. Mit anderen Worten: Es geht hier darum, bereits erforschte und allgemein anerkannte medizinische Grundlagenkenntnisse dem Studenten anschaulich zu demonstrieren.

Wobei zur Anschaulichkeit derartiger Experimente gesagt werden muß, daß die erwähnten Versuche sehr oft nicht oder nur sehr unbefriedigend funktionieren. Entweder versagen – mit Vorliebe – die technischen Geräte, oder aber der Student hat bei der Präparation den Muskel, auf den es ankam, bereits verletzt oder zerstört. Und: Es gibt ausgezeichnete physiologische Lehrbücher, die über Muskeleigenschaften, Reflexe, Herzfunktionen und so weiter ausführlich und durchaus nicht immer nur trocken informieren.

„Dekapitation“, so die wissenschaftliche Bezeichnung für die angewandte Art der Tötung der Frösche, bedeutet übersetzt nichts anderes als Köpfung oder, genauer, Enthauptung. Narkotisiert werden die bedauernswerten Tiere hierfür nicht. Sie erleben vielmehr, um es einmal menschlich auszudrücken, ihre Hinrichtung bei vollem Bewußtsein. Bis dahin harren sie als wechselwarme Tiere, die bei niedrigen Außentemperaturen ihre Stoffwechselfunktionen auf ein Minimum einschränken, in den Kühlschränken der Universität in relativer Regungslosigkeit ihres unerfreulichen Schicksals.

Genaue Instruktionen für die Art des Vorgehens beim „Dekapitieren“ liefert dem Studenten die oben bereits zitierte Arbeitsanleitung: „Der Frosch wird mit dem Kopf nach oben in der linken Hand gehalten; die vorderen Extremitäten liegen dabei zwischen Mittel- und Zeigefinger. Das stumpfe Blatt der großen Schere wird in die Maulspalte eingeführt und das Schädeldach mit raschem Schnitt möglichst weit caudal abgetrennt. Mit einer geraden Kopfsonde wird das Rückenmark durch Ausbohren zerstört.“

Schlimmer noch ergeht es denjenigen Tieren, die als sogenannte „Reflexfrösche“ für die Dauer mehrerer Versuche, also knapper zwei Stunden, als glasigen Auges mit zerstörtem Hirn vor sich hin vegetierende Krüppel am „Leben“ gehalten werden, bevor man sie, und diesmal muß man sagen endlich, mittels einer Schere in „bewährter, Manier“ ins wie immer geartete Froschjenseits befördert. „Reflexfrösche“, heißt es in der nüchternen Sprache der Arbeitsanleitung, sind Frösche, „bei denen das Gehirn zerstört, das Rückenmark jedoch erhalten ist“.