Daß er so pünktlich war, so genau, so pedantisch und daß er sich und sein ganzes Leben in ein sorgfältig ausgetüfteltes Schema preßte, das hing mit seiner körperlichen Konstitution zusammen. Sie zwang ihn, sorgsam auf seine Gesundheit bedacht zu sein. Denn er war zart, sogar schwächlich, übrigens nur 1,57 Meter groß, und sein Leben lang klagte er über Schwierigkeiten beim Atmen und über Herzbeklemmungen. Er war äußerst sensibel, gegen manche Dinge offenbar allergisch.

Um auf andere nicht Rücksicht nehmen zu müssen, war er Junggeselle geblieben. Immer schlief er genau sieben Stunden. Um fünf Uhr in der Früh ließ er sich von seinem Diener mit dem Ruf „Es ist Zeit!“ wecken. Bis gegen 13 Uhr erledigte er seine schriftlichen Arbeiten, entweder daheim in seinem Haus oder – was im Lehrplan festgelegt war – an jener Lehrstätte, die durch ihn Weltruf erlangte. Er lehrte viermal in der Woche von sieben bis neun Uhr und zweimal von acht bis zehn Uhr morgens. Auch diese Lehrstunden hielt er genau ein, und es heißt, er habe sie. niemals ausfallen lassen.

Auf die Minute mußte jeden Mittag das Essen, das seine Köchin bereitete, auf dem Tisch stehen. Regelmäßig lud er Gäste dazu ein: mindestens drei, nie mehr als neun. Unpünktlichkeit der Gäste erregte seinen Unwillen. Es gab drei Gänge, und für jeden eine halbe Flasche Wein. Nie trank er Bier, denn Bier hielt er für schädlich. Die Mittagsrunde blieb bis 16 oder 17 Uhr beisammen.

Nach dem Essen, das mit Käse, Butter und Früchten schloß, zog er sich zurück, um zu meditieren. Jeden Abend um punkt sieben Uhr begann er einen Spaziergang. Dabei ging er stets allein, und zwar aus zwei Gründen: Er wollte während des Gehens nicht sprechen, das heißt, nicht den Mund aufmachen müssen, weil er fürchtete, sich dabei „rheumatischen Affektionen auszusetzen. Und er wollte sein Schrittempo nicht einem Begleiter angleichen müssen und dabei womöglich „in Transpiration“ geraten. Um zehn abends (und nie später) lag er im Bett.

Er war schon 63 Jahre alt, als er sich – um möglichst ruhig, zu wohnen – ein eigenes Haus leistete. Er hat es gekauft. Er bezahte es bar von seinen Ersparnissen. Gespart hatte er immer, und auch als Hausbesitzer gab er nur für unbedingt notwendige Dinge Geld aus. Die Wände des Achtzimmerhauses wurden nur einfach weiß gekalkt, die einzigen Möbel waren einige Tische, Stühle, ein kleines Kanapee, ein Bett, ein Kleiderschrank, eine Kommode. Auch seine Bibliothek blieb äußerst bescheiden. Sie bestand im wesentlichen aus Büchern, die man ihm geschenkt hatte. Schriften, die er für seine Arbeit brauchte, lieh er sich in der Universitätsbibliothek aus.

Erstaunlich mag es anmuten, daß dieser nüchterne, fast krankhaft ordentliche Mann auch Sinn fürs Spielen hatte. Als er noch kein eigenes Haus hatte, ging er abends gern in ein Wirtshaus. Was ihn dorthin lockte, war das Billardspiel. Schon als Student hatte er leidenschaftlich gern Billard gespielt, zeitweise um Geld. Und dies so erfolgreich, daß er von dem Gewinn einen französischen Sprachlehrer bezahlen konnte. Von zu Hause – er war der Sohn eines einfachen Handwerkers, das vierte von elf Kindern – konnte er finanziell kaum unterstützt werden. Aber der Vater hatte ihn studieren lassen, weil er als Schüler immer der Beste seiner Klasse war.

Obwohl er ein Musterschüler war, hat er sich später über die Lehrmethoden seiner Schule abwertend geäußert. Was ihn all die Schuljahre hindurch störte, war der religiöse Zwang. Jeder Schultag begann mit einer ausgedehnten Andacht, jede einzelne Lehrstunde wurde mit Gebeten begonnen und beschlossen, und selbst daheim sollten die Schüler noch Gebetsübungen abhalten. Das führte bei ihm zu einer Aversion gegen jede Form von Gebet, und er sagte, daß er sich nur mit „Schrecken und Bangigkeit“ jener „Jugendsklaverei“ erinnern könne.

Wer war’s?