Von Gottfried Sello

Man denkt, das Thema sei ausgereizt und neues Material zum Impressionismus nicht mehr beizubringen. Und läßt sich, staunend und erfreut, eines Besseren belehren. Das eben erschienene Buch von –

Horst Keller: „Aquarelle und Zeichnungen der französischen Impressionisten und ihrer Pariser Zeitgenossen“; DuMont Buchverlag, Köln, 1980; 178 S., 98 Abb.; 98,– DM

ist einer dieser seltenen Glücksfälle in der Kunstliteratur, wo es dem Autor gelingt, ein vernachlässigtes, weithin unbekanntes Gebiet aufzuspüren, das die Entdeckung lohnt, und darüber hinaus die eigene Begeisterung über seinen Fund auf den Leser (und was hier noch mehr zählt, auf den Betrachter) zu übertragen.

Keller weist mit Recht darauf hin, daß sich das Interesse am Impressionismus fast ausschließlich auf die Malerei konzentriert hat. Aquarell und Zeichnung dagegen, die das Werk der Maler begleiten, ihm Stoff, Spontaneität, Lebendigkeit zuführen, sind unbeachtet geblieben – mit Ausnahmen freilich: Die Pastelle von Degas oder die Aquarelle von Manet hat man immer zu schätzen gewußt.

Ein großer Teil der in diesem Band versammelten Blätter war noch nie veröffentlicht. Horst Keller hat sie in den Mappen zahlreicher großer und einiger Provinzmuseen aufgestöbert (sein Rat an den Kunstfreund: er solle ruhig einmal ein Kupferstichkabinett aufsuchen und sich Blätter von Sisley oder Pissarro oder wem immer vorlegen lassen). Und wie das beim Stöbern so geht: man findet köstliche Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat, die genaugenommen nicht ins Konzept passen – man müßte sie weglassen oder es so genau nicht nehmen und das Konzept erweitern. Horst Keller hat sich, glücklich, für das zweite entschieden. Seine Auswahl ist undoktrinär, nicht eingeengt auf Impressionismus als Stil- und Schulbegriff. Natürlich kommen auch die eigentlichen, die akkreditierten Impressionisten wie Renoir, Degas, Manet, Pissarro zu ihrem Recht. Aber der Akzent, das Überraschungsmoment liegt bei den anderen, den Avant-Impressionisten wie Jongkind, Boudin oder, im weiten Sinne, bei den Meistern von Barbizon.

Aber nicht nur die Vorläufer sind berücksichtigt. Auch Delacroix ist dabei – mit einem wunderbaren Pastell von 1849, dem „Bewölkten Abendhimmel“. Von Gustave Doré, dem Illustrator und Lithographen, sieht man ein „impressionistisches“ Landschaftsaquarell. Puvis de Chavanne, der mit seinen tiefsinnigen Allegorien die Gegenposition zum Impressionismus einnimmt, vergißt, wenn er vor der Natur aquarelliert, was er sich als Maler schuldig ist, und begnügt sich mit den farbigen Valeurs einer Sandkuhle.