ZDF, Dienstag, 16. Dezember, 1930 Uhr: „Ehen vor Gericht“

Uns alle fasziniert es, die Konflikte anderer Menschen aus der Schlüssellochperspektive mitzuerleben. Und es macht uns betroffen. Denn in irgendeinem der Worte, Vorwürfe und Kränkungen, die man sich dort entgegenschleudert, erkennen wir uns meist selbst wieder. Diese Mischung aus Neugier, Identifikation und Erschütterung – Binsenweisheit der dramatischen Kunst – ist sicher einer der Gründe für den Erfolg der seit nunmehr zehn Jahren gesendeten ZDF-Serie „Ehen vor Gericht“: Ein bißchen Voyeurismus, ein bißchen Lebenshilfe, inszeniert nach dem dramaturgischen Schema der klassischen Tragödie – das zieht jeden dritten Fernsehzuschauer vor den Bildschirm.

Ein weiterer Grund liegt in Ruprecht Essbergers Regieverfahren. Er läßt Schauspieler und mitwirkende Laien ohne genau festgelegten Text agieren. Einmal mit der Vita ihrer Figuren vertraut, können sie ihre Reaktionen spontan selbst bestimmen, vieles aus der eigenen Persönlichkeit in die Rolle hineinnehmen und ihr so mehr Authentizität verleihen. Ein Großteil der Sendung ist improvisiert.

Diesem Prinzip verdankt die Serie es im allgemeinen auch, daß sie stets die Balance zwischen Trivialität und Alltagstragödie zu halten weiß. Denn hört man die Geschichte der Schindlers – das fünfzigste Ehepaar, das Essberger und seine Autorin Sina Walden vor Gericht schicken – so klingt sie wie aus einem Bilderbuch für Scheidungsfälle. Er: arrivierter Anwalt mit konservativer Lebensanschauung, sie: emanzipationshungrige Nur-Hausfrau mit linkem Engagement. Nach fünfzehn Jahren haben sie sich nichts mehr zu sagen (hatten sie das überhaupt jemals?). Einzig die überzeugende Darstellung der Figuren (der Mann wird übrigens von einem Laien gespielt) läßt die Schwächen der Handlung vergessen. Die ist halt, wie der Vorspann lehrt, „frei erfunden“: Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig.

In dieser Folge hat Essberger die Zufälligkeit freilich arg konstruiert. Das Konzept scheint überstrapaziert: einerseits verspäteter Beitrag zur Wahl (er CSU-Wähler, sie SPD-Anhängerin – – wie könnte das auch gutgehen), andererseits Jubiläumssendung, die irgendwie aus der Serie herausragen sollte. So präsentiert man dem Zuschauer – kurz vor der Urteilsverkündung in Sachen Schindler – rasch zwei altgediente Eheleute, die es seit fünfzig Jahren miteinander aushalten. Und sie verraten auch, wie sie das schafften: Sie teilen miteinander – Erziehungsansichten, Interessen, Hobbys. Zum Beispiel das Teppichknüpfen.

Ob nun Akt der Wiedergutmachung (nach fünfzig Scheidungen eine Goldene Hochzeit) oder spontaner Gag – glücklich ist der Einfall nicht. Wenn erst gezeigt wird, wie ideologisch und psychologisch unvereinbare Temperamente aufeinanderprallen, während Philemon und Baucis beschaulich am gemeinsamen Ehe-Tapis wirken, so wird beim Zuschauer eher Belustigung erreicht als der tröstliche Effekt: Es gibt ja noch intakte Ehen.

Doch – Zufall hin, Improvisation her – die Sendung ist dadurch perfekt ausgewogen: Philemon und Baucis sind nämlich FDP-Mitglieder.

Swantje Naumann