Der Nobelpreis für Medizin und Physiologie wurde in den letzten drei Jahrzehnten fast nur an Biochemiker und Genetiker verliehen. Deren Forschung, orakelte Charles D. Price, Ex-Präsident der Amerikanischen Chemischen Gesellschaft (ACS) einstmals, werde „alles zwergenhaft erscheinen lassen, was Atomphysik und Raumfahrt hervorbrachten“.

Noch 1969 schätzten Experten, es könne „mindestens Jahrzehnte“ dauern, bis auch nur ein menschliches Gen isoliert sei – doch 1977 erblickte ein funktionstüchtiges Kunstgen das Licht der Retorte. Tatsächlich trifft die Explosion an gentechnischem Know-how unterdies den einzelnen Menschen schon selbst.

Manipualtionen auf Zellebene mit einer künstlichen Befruchtung führten 1978 in England zur Geburt des ersten „Retorten-Babys“. Einhelliger Kommentar: Ein „wissenschaftlicher Durchbruch“.

Das Erstexperiment auf Genebene hingegen erlebte einen medizin-ethischen Einbruch. Das „Komitee für den Schutz des Menschen“ an der Universität von Kalifornien untersagte derlei Versuche mit der Begründung, sie verstießen gegen einen Leitsatz der „Deklaration von Helsinki“. Er besagt, daß Diagnostik und Therapie zum Nutzen des Patienten in angemessener Relation zu bekannten oder erkennbaren Risiken stehen muß.

Der betroffene Hämatologe freilich, Dr. Martin J. Cline, wich aus. Er entnahm legal in Jerusalem und Neapel zwei Patienten, die an einer seltenen, erblichen Blutkrankheit (Thalassämie) leiden, blutbildende Zellen des Knochenmarks und mischte sie mit einigen, aus Bakterien gewonnenen Genen.

Zwar halfen die mit „künstlichen“ Genen bestückten und wieder eingespritzten Zellen den Kranken nicht, und viele Experten halten Clines Vorstoß ohnehin für „verfrüht“. Dessen Standpunkt aber ist wohl gewählt.

Muß oder darf Schwerkranken eine vielleicht lebenserhaltende Therapie vorenthalten werden, weil sie das langwierige Plazet einer Behörde womöglich nicht mehr erleben? Auch weiß Cline den Faktor Hoffnung auf seiner Seite. Eine andere Blutkrankheit nämlich, die unter US-Schwarzen weit verbreitete Sichelzellanämie, ist der gleichen Gentechnik zugänglich.