Isaak Babel, 1939 verhaftet, 1941 im Lager gestorben und 1954 rehabilitiert, ein bebrillter und schwächlicher Mann, hat, weil Gorkij ihm riet, als Schriftsteller das Leben kennenzulernen, im Bürgerkrieg Budjonnys Reiterarmee begleitet. Er hat darüber eine Anzahl von Geschichten veröffentlicht, die, nach Art Goyas, eine Realität in Worte fassen, deren Wildheit Hand in Hand geht mit intimistischen Nahaufnahmen. Eine „Konkin“ überschriebene Szene beginnt mit den Sätzen: „Wir säbelten die Schlachtet hinter Belaja-Zerkow kurz und klein. Wir säbelten sie nieder, daß sich die Bäume bogen. Ich hatte schon am frühen Morgen einen gehörigen Denkzettel bekommen, aber ich konnte noch tüchtig dreinschlagen.“ Im Getümmel taucht ein Pferd samt Reiter auf, auf das der Erzähler wider Willen feuert: „Der Hengst tut mir leid. Es ist ein Bolschewik, ein echter Bolschewik. Kupferrot wie eine Münze, der Schweif wie ein Pfeil, die Beine straff wie gespannte Saiten. Ich denke: das Pferd bringst du Lenin. Aber daraus ist nichts geworden.“

Denn der Reiter will sich nicht ergeben, es sei denn Budjonny persönlich nähme ihm den Säbel ab. Die Geschichte verwickelt sich. Der Erzähler stellt sich als Kommunist und Kommissar vor; der Gefangene, ein altes hohes Tier, will sich nach Soldatenart töten. Aber der Erzähler ist verwundet, „ein schreckliches Schlafbedürfnis überfiel mich und meine Stiefel waren voller Blut“. Um den Reiter konnte er sich nicht mehr kümmern. Darauf folgen zwei Sätze: „Habt ihr also ein Ende mit dem Alten gemacht?“ – „Wir begingen die Sünde.“

Man hat Babel Sadismus, Blutrunst und Respektlosigkeit gegenüber der Roten Armee vorgeworfen. Allein, bevor er zum Federhalter griff, hat er offensichtlich Einzelheiten am Saum der Revolution verifiziert, die der gewollten Wahrheit die wirkliche gegenüberstellten. Nur: war das ein Widerspruch? Auf den ersten Blick sieht es mitunter so aus, als könnte Babel Freund und Feind nicht unterscheiden. Auf den zweiten aber sieht man, daß er die Unterscheidungen sehr wohl zu treffen wußte, auch wenn er seine Sympathien für Budjonnys Reiter eher verhalten oder ironisch gebrochen zum Ausdruck bringt.

„Ich bin bereit“, so hat er einmal gesagt, „eine Erzählung über Wäschewaschen zu schreiben, und sie wird, möglicherweise, wie die Prosa Julius Cäsars klingen.“ Damit bringt er sein Erzählsystem aut die Formel. Die Tagebucheintragungen am Schluß des Buches, die als Non-Fiction ausgewiesen sind, machen es deutlich. Die Rede ist von Myriaden Fliegen, vom Fraß, von der Braut des Sohns eines krummen Alten, über die ein gewisser Prostscheps herfällt und vom kommandierenden Woroschilow, der vor der ganzen Armee in Beschimpfungen ausbricht. Das Kaleidoskop fügt sich, nicht anders als in den Geschichten, zu einem Schlachtenbild zusammen, das sämtliche später gemalten Ölschinken oder später verfaßten Kurzen Lehrgänge in den Bereich der Fabel verweist.

Schlüsselszenen braucht man bei Babel nicht zu suchen: Jede Geschichte stellt eine solche dar. „Oh, Statut der kommunistischen Partei Rußlands!“ hebt eine von ihnen dithyrambisch an. Und fährt fort: „Galin mit dem Star im Auge, der schwindsüchtige Slinkin und Sytschow mit den Darmgeschwüren Selbst Galin spricht am Ende, dithyrambisch, wie der Anfang es will, Papier. Allerdings hört es sich nicht wie Papier an, weil ein Halbblinden, der trotzdem für die Bolschewiki ficht, rauft und schießt, es äußert. Babel läßt keinen Zweifel daran, wie Helden, obwohl lädiert, verlaust, ängstlich manchmal und manchmal abergläubig, aussehen.

(SL 321, Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1980; 214 S., 13,80 DM.)

Hans Platschek