Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Dezember

Michel Debré ist kein Mann der Kompromisse. Unter den Gaullisten ist er einer der unerbittlichen Orthodoxen, im Parlament einer der Engagiertesten, sich selber gegenüber einer der Härtesten. Er war Premierminister, Außenminister, Verteidigungsminister und manches andere mehr. Seit Jahrzehnten kämpft er für eine bestimmte Idee von Frankreich und gegen eine bestimmte Idee von Europa. Mit 68 Jahren hätte er den Ruhestand redlich verdient. Doch Michel Debré ist anderer Meinung: Er kandidiert für das Amt des Staatspräsidenten.

Die Sorge um Frankreich treibt den Mann um, der einer der treuesten Gefährten Charles de Gaulles war und sich, heute als Bewahrer der reinen gaullistischen Lehre versteht. Landauf, landab verkündet er die Warnung, Frankreich gehe an seiner Mittelmäßigkeit zugrunde, an fehlenden Ambitionen, an falscher Bescheidenheit. „Frankreich ohne grandeur ist nicht Frankreich“, heißt sein unverrückbares Credo. In einem „Offenen Brief an die Franzosen“, den der Kandidat Debré jetzt als Buch veröffentlicht hat, setzt er lieren kann: die Rückeroberung Frankreichs. Denn für den Autor sind die Franzosen auf dem besten Weg, ihre Zukunft zu verspielen.

Was auch den politischen Gegner fasziniert an Debré, ist das völlig unzeitgemäße Pathos und das unerschütterliche Sendungsbewußtsein, das aus jedem seiner Sätze spricht. Wem außer Debré ließe man heute noch Erklärungen wie diese durchgehen: „Oh Frankreich, wache auf... Frankreich, spreche französisch auf allen internationalen Konferenzen und Gesprächen. Du wirst morgen ein anderes Frankreich sein, wenn du deine Sprache nicht verkommen läßt, diese Trägerin einer Idee, nach der die Welt verlangt.“ Kassandra als Missionar – das ist Debrés Rolle im Kampf ums Elysée.