Von Gabriele Venzky

Das letzte Mal hatte er Indien noch in Hochstimmung verlassen. "Mit einem Gefühl großer Zufriedenheit" fahre er wieder ab, hatte Leonid Breschnjew im Jahre 1973 gesagt. Jetzt, sieben Jahre später, kamen derart überschwengliche Töne gar nicht erst auf. Nachdem seine Ärzte oder sein mit Polen befaßtes Politbüro oder auch beide Instanzen gemeinsam seine Staatsvisite von fünf auf drei Tage gekürzt hatten, nahm der sowjetische Staatschef am Montag bereits das Willkommens-Zeremoniell der Inder mit steinerner Miene zur Kenntnis.

Breschnjew hatte in der Tat allen Grund, dem Lächeln Indira Gandhis und ihres Staatspräsidenten Reddy zu mißtrauen, das diese sich für das gemeinsame Gruppenphoto am Flughafen abquälten. Denn willkommen war der Russe nicht, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Doch Breschnjew hatte sich praktisch selber eingeladen, hatte hartnäckig auf einen möglichst baldigen Besuchstermin gedrängt. Weil die Inder ihren mächtigen Verbündeten nicht vor den Kopf stoßen wollten, hatten sie schließlich nachgegeben und ihren Präsidenten noch im Oktober beinahe überstürzt nach Moskau geschickt. Das Protokoll verlangte es, schließlich war die indische Führung mit einem Staatsbesuch an der Reihe. Erst danach konnte Breschnjew fahren.

In Moskau war man nicht bereit gewesen, den Wünschen Delhis entgegenzukommen und sich bis Januar mit der Reise Zeit zu lassen. Die Erklärung dafür ist einfach: Kurz vor dem ersten Jahrestag der bisher nicht gerade erfolgreich verlaufenen Afghanistan-Invasion und zu einem Zeitpunkt, an dem die ganze Welt mit angehaltenem Atem auf Polen blickt, brauchte der Kreml einen sichtbaren Erfolg an der sowjetischen Südflanke. Dazu sollte ihm Frau Gandhi verhelfen.

Doch dieses Ziel wurde nicht erreicht. Es begann damit, daß die indischen Diplomaten auf einen Moskauer Vorstoß hin durchblicken ließen, vierhundert Begleiter im Reisetroß seiendenn doch ein bißchen des Guten zuviel. Aber es waren immer noch an die 300 Personen, die den Maschinen aus Moskau entstiegen, darunter eine ganze Flugzeugladung Reporter und Kameraleute. Der Fernsehgemeinde daheim sollte in Bild und Ton demonstriert werden, daß die Sowjetunion auch in der nichtsozialistischen Welt ihre Freunde hat, daß sie alles andere als isoliert dasteht, daß ihre Politik von der größten und wichtigsten Blockfreien-Nation unterstützt wird.

Die sowjetischen Journalisten werden sich freilich schwertun, Beweise für diese Behauptung nach Hause zu übermitteln. Denn in der Frage Afghanistan scheint Indien seine bisherige Nibelungentreue aufzukündigen. So war gleich auf der ersten Fahrt die Wagenkolonne gezwungen, von der ursprünglichen Route abzuweichen, weil ihr afghanische und indische Demonstranten den Weg versperrten. Wenig später, beim ersten Staatsbankett, mußte sich Breschnjew vom indischen Präsidenten anhören, sein Land mißbillige jede Intervention, sei sie nun versteckt oder offen, und lehne jede Einmischung äußerer Mächte in die internen Angelegenheiten der Länder dieser Region ab.

Derart präzise hatte sich die indische Regierung bisher noch nie geäußert. Indira Gandhi ließ bei dieser Gelegenheit noch einmal durch das Staatsoberhaupt bekräftigen, was sie schon zwei Tage vor Breschnjews Ankunft gesagt hatte. Daß sie ausgerechnet diesen Zeitpunkt für ihr erstes großes Interview nach ihrer Wiederwahl wählte und ausgerechnet für eine amerikanische Zeitung, war sicher kein Zufall.