"Calamity Jane – Briefe an ihre Tochter", herausgegeben von Elisabeth Kiderlen. Frauen im Wilden Westen: das waren brave Pionierinnen oder zwielichtige Saloon-Damen oder – und davon gab es nur wenige – Revolverheldinnen, die als "Flintenweiber" verleumdet wurden. Eine von ihnen: Calamity Jane, deren Name in der Geschichtsschreibung allzuoft als Synonym gilt für das Bild von der unmoralischen, unweiblichen Abenteurerin, und die wir kennen als Western-Heldin, dargestellt von so verschiedenen Schauspielerinnen wie Jane Russell und Doris Day. Aber auch schon zu ihrer Zeit, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, gab sie zu Spekulationen und lüsternen Groschenheft-Phantasien Anlaß: Wer so schießen konnte wie sie, konnte nur ein Mannweib mit lockerem Lebenswandel sein. Die Wirklichkeit: in den Briefen an ihre Tochter, die sie schon als Baby weggeben mußte, beschreibt Jane ein mühevolles Leben gegen Vorurteile und Geldnot; und sie spricht von den anderen Western-Helden: von Buffalo Bill, in dessen Show sie auftrat und von Wild Bill Hickok, ihrer großen Liebe. Calamity Jane war eine einsame Frau, sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch das Leben und träumte ihrer wohlanständigen Tochter nach. Sie konnte nicht richtig schreiben, brauchte viel Zeit für diese Briefe, die nie abgeschickt wurden, und die heute als ebenso aufschlußreiches wie amüsantes Dokument dienen – über den anderen Wilden Westen. (Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Basel, Frankfurt, 1980; 96 S., 9,80 DM.)

Manuela Reichart

"Die Erde braucht Zärtlichkeit", Gedichte von Siegfried Heinrichs. Dieser 1941 geborene Autor wurde offensichtlich durch zwei Erlebniswelten geprägt: eine Kindheit auf dem Lande und durch das Trauma einer DDR-Existenz, nicht als privilegierter Poet, sondern als Hilfsarbeiter, Soldat, Büromensch sowie als Pamphletist gegen die Mauer, der, was die deutschdeutsche Frage anbelangt, einen sehr persönlichen Anschauungsunterricht erhielt: Der eigene Bruder denunzierte ihn. So geriet er für acht Monate in Stasi-Haft und danach für drei Jahre ins Zuchthaus Waldheim, verurteilt "im Namen des Volkes" und zusammengesperrt "mit irren, kinderschändern, mördern, / dichtem, dieben". 1978, nach seiner Übersiedlung nach West-Berlin, erschien sein Lyrikband "mein schmerzliches Land", zu dem Biermann schrieb, daß hierin einer zu Wort komme, der sich noch jahrelang die DDR vom Halse dichten müsse. In seinen neuen Gedichten ist Heinrichs jedoch nicht mehr ausschließlich durch seine früheren Polit-Erfahrungen determiniert. Er schreibt über Metaphysisches, über die Kindheit, über Jahreszeitliches, allerdings geht es ziemlich pathetisch und erdig zu, altmodisch und expressiv-schollenschwer: "über den acker gehen, wo die bauern / stolz abschritten den wuchs des / halmes, wo der raps in wahnsinnigem gelb / stand, hier, wo fontane schon schritt ..." Heinrichs, der Kelly Sachs und Max Herrmann-Neisse beschwört, Sarah Kirsch, Dylan Thomas und Rilke paraphrasiert, braucht einstweilen noch Vorbilder und Archetypen, um sich zu stimulieren oder einzustimmen. Vielfach setzt er dabei zu hoch an. (Verlag europäische ideen, Berlin, 1980; Postfach 2 46,1000 Berlin 37; 144 S., 18,– DM.) Hans-Jürgen Heise

"Frankenbach – Einsichten in eine Landschaft", von Lajos Keresztes und Wolf Klausner. Ein Bildband über die fränkische Provinz zwischen Würzburg, Nürnberg und Hof. Der 46jährige Exil-Ungar Lajos Keresztes – seit längerem Wahl-Nürnberger und Photo-Designer in der Werbebranche – hat seine Kamera auf Schönwetter eingestellt. Sein großformatiges Bilderbuch zeigt photographisch-perfekte Variationen zwischen Blauweiß und Braungrün, zwischen Himmel und Erde; es bietet vor allem Nahaufnahmen von Feld und Flur, Wald und Weinberg, von Fachwerkfassaden und anderen architektonischen Details. Keresztes hat damit die üblichen Ansichtskarten-Motive vermieden, verfällt aber einem anderen Klischee: Sein sündhaft teures "Frankenbuch" führt dem Betrachter photographisch-geschönte Natur und eine bäuerliche Kulisse ohne Menschen vor. Von "Einsichten in eine Landschaft" kann keine Rede sein; hierzu wären Kontraste nötig, Bilder von einer bedrohten Region, von Natur- und Kulturzerstörung. Allein in der spröden Kurzprosa des mittelfränkischen Autors Wolf Klaußner finden sich entsprechende Andeutungen. (Oberfränkische Verlagsanstalt und Druckerei, Hof, 1979; 144 S., 98,– DM.)

Werner Hornung