Berlin (Ost): „Karl Friedrich Schinkel 1781–1841“

Fünf Monate vor dem Anlaß, dem zweihundertsten Geburtstag, ist im Alten Museum in Ost-Berlin die erste große Ausstellung eröffnet worden, mit der Karl Friedrich Schinkel „als der bedeutendste Architekt des deutschen Klassizismus“ gewürdigt wird: eine mit kunstwissenschaftlichem Elan komponierte, sehr aufschlußreiche, gar nicht selten faszinierende Schau. Sie unterrichtet gründlich und kurzweilig und so umfassend wie möglich über einen Universalkünstler, der mit beiläufiger Selbstverständlichkeit und Virtuosität vieles gleichermaßen war: ein blendender Maler, Zeichner und Radierer; ein phantasievoller Designer mit handwerklichem Sachverstand, der Prunk- und Gebrauchsgegenstände entworfen hat, Möbel, Öfen, Vasen und Türen, Leuchter, Gläser, Schalen und Ornamente auf vielerlei Materialien; er war Bühnenbildner, aber auch Lehrer und Utopist, Behördenchef und Manager und einer der ersten Denkmalpfleger, vor allem war er Architekt. Die weitaus meisten der 666 Ausstellungsstücke, die auffallend unaffektiert, sogar mit dem Mut zur Unbequemlichkeit präsentiert werden – man muß sich manchmal verrenken, um hinter Möbeln aufgehängte Zeichnungen lesen zu können – und maulfaul erläutert werden, stammen aus den eigenen,, so offensichtlich reichhaltigen Beständen der DDR. Es versteht sich beinahe von selber, daß sich darin „der Baumeister Berlins“ besonders eindringlich spiegelt. Zwar habe Schinkel, wie man in dem über vierhundert Seiten starken, gründlich erläuternden, nach Kräften bebilderten Katalog-Buch entnimmt, nicht wie sein Studienfreund Klenze in München einen kunstbegierigen König gehabt; zwar seien viele Projekte im, kaum zu glauben, „Gestrüpp von Bürokratie, feudalen Launen, Geldmangel und Knauserigkeit“ steckengeblieben: „dennoch hinterließ er ein Lebenswerk an Gebautem, Gemaltem, Entworfenem und Organisiertem, einen Schatz an Ideen und nicht zuletzt ein Vorbild an Haltung“. (Altes Museum bis 29. März; Katalog 45 Mark)

Manfred Sack

Hannover: „Joachim Schmettau – Skulpturen und Zeichnungen 1960–1980“

Die Arbeiten des Berliner Bildhauers Joachim Schmettau, des einzigen Plastikers der seit zwanzig Jahren produzierenden Gruppe der „Berliner Realisten“, sind jetzt in einer ersten umfassenden und großartig zusammengestellten Ausstellung des Kunstvereins Hannover zu sehen. Damit ergibt sich die Gelegenheit, über den Erinnerungseffekt – etwa die große Digitaluhr-Hand im Berliner Tiergarten – das Kontinuum der Entwicklung eines der bedeutenden jüngeren deutschen Künstler zu erkunden. Gemeinhin, wird über Schmettau nachgedacht, fällt das Wort „Kopf“ oder „Porträt“; tatsächlich überwiegen Büsten, und seine Selbstporträts (wie „Kopf mit Mütze“ von 1964, mit dem er Aufsehen erregte) oder die Porträts der Kollegenfreunde Petrick oder Ackermann, die immer wieder den gelungenen Balanceakt zwischen realistischem Konterfei und manieristischem Accessoire-Zitat vorführen. Ich möchte in die Überlegungen zu Schmettaus Œuvre einen anderen Begriff einführen: Haut. Schmettaus Skulpturen verlangen gleichsam Streicheleinheiten – erst durch die Berührung erschließen sie sich völlig: ob es nun spiegelnd polierte, manchmal hochglanzvernickelte Bronze ist oder rauh gemachte, durch Farbauftrag widerstandsständig versinnlichte. Auch die besonders überzeugenden, erzählerisch konzipierten Basreliefs wollen mit den Fingern ertastet werden. Damit – oder dadurch? – gewinnen die gelegentlich an Kuroi, in anderen Exemplaren auch von ferne an Art Déco erinnernden Skulpturen eine eigene Dimension des Humanen. Sie fordern den Betrachter zum Dialog. Es ist nur konsequent, daß Schmettau oft mit Spiegeleffekten arbeitet, sei es dem der spiegelglänzend bearbeiteten „Haut“, sei es figuraler Komposition, wo sich die Figur vor dem Spiegel findet. Eklatantestes Beispiel für diese Dialektik ist seine „Weibliche Halbfigur mit Relief“ von 1969, der eine männliche Aktfigur aufgemalt ist – und die „gleichzeitig“ den Betrachter spiegelt. Es gelingt Schmettau auf diese Weise, den Betrachter nicht im beliebigen Gegenüber zu belassen, sondern ihn zum Bestandteil des Objekts zu machen; also ihn sich seiner Qualität als Subjekt erinnern zu lassen. Wohl auch seiner Einsamkeit. Denn der statuarische Raum um seine Figuren, trotz der Berührung nie ganz zu erfassen, versinnbildlicht auch jenen Hof des Verlorenen, der jeden Menschen umgibt. Das ist mehr als ein Effekt artistischer Perfektion – es ist ein Stück Menschenbildnerei im doppelten Sinne: Abbild und Erkenntnis. (Kunstverein Hannover bis 1. Februar, anschließend Städtische Museen Heilbronn, Katalog 18 Mark) Fritz J. Raddatz

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Arnulf Rainer“ (National-Galerie bis 1. Februar, Katalog 25 Mark)