Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte die Öffentlichkeit erst im nachhinein von dem Treffen zwischen Willy Brandt und Helmut Kohl erfahren. Kein noch so kräftiges Dementi wäre dann wohl imstande gewesen, den Verdacht auszuräumen, den beiden Parteivorsitzenden gehe es um etwas ganz anderes als darum, Wahlkampfinjurien endgültig aus der Welt zu schaffen.

Darum ist es Brandt und Kohl in der Tat zu tun. Indes, bereits seit einer Woche wird in Bonn lustvoll über neue Regierungsbündnisse spekuliert, und nahezu jede denkbare Variante ist dabei wohlfeil: eine kleine Koalition zwischen CDU/CSU und FDP genauso wie eine große, entweder zwischen der ganzen Union und der SPD oder nur zwischen CDU und SPD. Oder sogar ein Allparteien-Regiment? Und nun schon Brandt und Kohl unter vier Augen??

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Das zumal bei den Sozialdemokraten nach wie vor verbreitete Unbehagen an den Koalitionsvereinbarungen und an mancherlei Äußerungen der FDP-Prominenz, bietet für solche Spekulationen reichlich Humus. Hatte nicht der Kanzler höchstselbst schon festgestellt, die SPD sei derzeit nur mit der FDP koalitionsfähig, die FDP hingegen auch mit der Union? Hat nicht Herbert Wehner am letzten Wochenende wieder Hans-Dietrich Genscher attackiert, wegen Zögerlichkeit bei den Abrüstungsverhandlungen? Und hat nicht Graf Lambsdorff ein paar Andeutungen gemacht über Offenheit in Koalitionsdingen?

So erscheinen Überlegungen am grünen Tisch oder in camera caritatis gleich wie Winke mit dicken Zaunpfählen. Da stellt es ein wahres Glück dar, daß das Treffen zwischen Brandt und Kohl rechtzeitig bekannt geworden ist und sein Sinn deshalb noch glaubwürdig gemacht werden konnte.

Aber die Tatsache, daß es sogleich mit Gerüchten über eine große Koalition verbunden wurde, bleibt ein Indiz – nämlich für ziemlich neurotische Verhältnisse und schwache Nerven in Bonn.

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