Wiesbaden/Frankfurt am Main

In Hessen ist die Polizeiausbildung in Verruf gekommen; junge Beamte wurden mit Hilfe von Photos nackter Zigeunerinnen darauf „vorbereitet“, wie diese sich angeblich bei Verhören verhalten. Der Verband Deutscher Sinti, der sich als Interessenvertretung der Zigeuner versteht, die Gesellschaft für bedrohte Völker und nun auch der Landtags abgeordnete Mathias Kurth (SPD) verlangen Aufklärung vom hessischen Innenminister Ekkehard Gries (FDP),

Die Sache mit den Photos kam heraus, als zwei Beamte der Frankfurter Kriminalpolizei und ein Mitarbeiter des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA) an dem Kursus der Volkshochschule (VHS) Friedberg „Minderheiten unter uns – am Beispiel der Zigeuner“ teilnahmen. Nach eigenem Bekunden erschien den Polizisten das Bild, das die Kursleiterin Kirsten Martins von den Zigeunern, den Sinti und Roma, zeichnete, zu positiv. Deshalb brachten sie ein Referat über die Kriminalität der deutschen Zigeuner in die VHS-Diskussion ein. Dabei sollen auch Akteninhalte ausgebreitet worden sein. Im Anschluß an den polizeilichen Beitrag wurden die anderen Kursteilnehmer aufgefordert, sich Bilder von nackten Zigeunerinnen anzusehen.

Die Kriminalbeamten erklärten ihren Zuhörern, sie zeigten die Bilder nur deshalb, um die Behauptung der Dozentin Martins in Frage zu stellen, Zigeunerinnen hätten ein hohes Schamgefühl. „Auf diesen sechs farbigen Aufnahmen waren Zigeunerinnen in exhibitionistischer Weise zu sehen“, notierte Frau Martins anschließend in einem Protokoll zu der Veranstaltung. „Eine Frau kauerte vollständig entblößt auf dem Boden; eine andere saß zurückgelehnt auf einem Stuhl mit den Füßen auf der Sitzfläche und zeigte ihre Genitalien; eine weitere sollte beim Verrichten ihrer Notdurft am Ort einer Gegenüberstellung photographiert worden sein.“ Die Gesichter waren eindeutig zu erkennen.

Zustandegekommen waren die Bilder bei Vernehmungen tatverdächtiger Zigeunerinnen. Wie sie in die Taschen der Kriminalbeamten gelangen konnten, die angeblich „aus privatem Interesse“ in den VHS-Kursus gegangen sind, vermochte der Frankfurter Polizei-Pressesprecher Hans Neitzel bislang nicht zu sagen. Vor Journalisten erklärte er lediglich, daß es sich bei den Bildern um Photos handele, die jungen Beamten als Vorsorgemaßnahme gezeigt werden, damit sie daraus lernen, wie sie bei Verhören ausgetrickst werden können: „Rock hoch“, wie Neitzel das nennt.

Wann solche Aufnahmen gemacht worden sind und wo solches „Schulungsmaterial“ Polizeipräsidium aufbewahrt wird, wie die Beamten an die Photos; herangekommen sind und sie aus dem Dienstgebäude herausbringen konnten – zu alldem sagte der Polizeisprecher nichts.

Um so mehr Fragen hat da der Landtagsabgeordnete Kurth. Er will vom verantwortlichen Minister Gries Aufklärung darüber, warum Polizisten ausgerechnet mit Schulungsmaterial, das die „Persönlichkeitsrechte untergräbt“, ausgebildet werden. Der SPD-Parlamentarier erinnert in einer Landtagsanfrage auch daran, daß in wissenschaftlichen Darstellungen der Kriminologie in der Regel das Gesicht eines photographierten „Falles“ unkenntlich gemacht wird.