Von Christine Brinck

Die älteste aller Listen ist die, in der die sieben sogenannten Weltwunder der Antike verzeichnet sind von der Cheopspyramide über die hängenden Gärten von Babylon bis zum Koloß von Rhodos. Sie entstand wahrscheinlich im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt. Seitdem hat immer wieder Menschen die Lust gepackt, die verschiedensten Dinge aufzulisten. Das englische Buch der Weltrekorde zehrt von diesem Spaß, wissen zu wollen, wer am längsten Trompete geblasen hat oder wer am schnellsten durch den Kanal geschwommen ist. Die Amerikaner und Engländer haben offensichtlich das größte Vergnügen an solchen oft albernen, oft informativen, an eben bunten Listen. In den USA erschien vor drei Jahren "The Book of Lists". Der Rowohlt Verlag hat diese Idee übernommen und die amerikanischen Listen für den deutschen Leser angereichert. Neben den typischen Rekord-Aufzählungslisten (die ersten zehn Menschen im Weltraum, die Liste der neun bekanntesten Einäugigen, die zehn berühmtesten Schnarcher) fragte der Verlag deutsche Prominenz nach ihren Listen. Da nannte beispielsweise Christian Neureuther die acht besten Skiläufer aller Zeiten oder Wolfdietrich Schnurre die zwanzig ihm liebsten Kinderbücher.

Ich gehörte zu der Gruppe, die für den Rowohlt Verlag die bunte Liste zusammenstellte (Rowohlts Bunte Liste, 507 Seiten, 19,80 Mark). Ich hatte die Aufgabe, deutsche Beiträge für Listen-Nonsens zu finden. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich zeigen sollte.

Der seriöse, deutsche, prominente Mensch – mein potentieller Listenautor – ist leider weitgehend ausgewogen und hat für angelsächsische Spielereien nur einen randständig entwickelten Sinn. Er legt sich ungern fest, schon gar nicht schriftlich. Daß aber gerade darin der Witz der halbseriösen Spielerei liegen könnte, verstanden viele nicht.

Überdies schien den meisten unklar, was eigentlich eine Liste sei. Dabei gibt es doch Einkaufs-, Strich-, Hit-, Bestseller- und sonstige Listen in Hülle und Fülle, und die Frage nach ihrem Sinn stellt sich erst gar nicht.

Rudolf Walter Leonhardt ging wohl als einziger mit geradezu angelsächsischer Unbekümmertheit an die Listenproduktion. Er nannte seine Listen gleichsam aus dem Stegreif, dabei geriet – so mal eben – auch das von ihm schon vorher geschätzte und benutzte "Book of Lists" mit auf die Liste der besten Nachschlagwerke.

Rolf Liebermann, der mir etwas so Einfaches wie seine zwei Lieblingsopern aufschreiben sollte – eine Aufgabe, der Sir Rudolf Bing von der Metropolitan Opera in New York ohne Mühe nachgekommen war –, fragte geziert auf französisch, was er eigentlich tun solle, was Monsieur Bing getan habe, und ließ, ausführlich belehrt, gar nichts mehr von sich hören. Münchens August Everding tat sich weniger schwer und schickte prompt seine drei Listen.