Von Marion Gräfin Dönhoff

Eine alte Erfahrung besagt, daß die Stimmung in Polen immer schlechter ist als die Lage. Aus der Tatsache, daß die Stimmung zur Zeit dort weniger pessimistisch ist als außerhalb des Landes, müßte man daher schließen können, daß die objektive Lage gar nicht so schlimm ist. Vielleicht also kann man hoffen, daß alles noch einmal glimpflich abläuft. Der Verlauf der ZK-Tagung, die vorige Woche in Warschau stattfand, und das Kommuniqué der Konferenz des Warschauer Pakts, die gleich darauf in Moskau tagte, scheinen eine solche Deutung zuzulassen.

Die ersten Unruhen in Polen brachen schon am 2. Juli dieses Jahres aus. Im August konzentrierte der Aufruhr sich dann auf das Küstengebiet um Danzig und breitete sich von dort über das ganze Land aus. Seit fünf Monaten leben die Polen also zwischen Hangen und Bangen. Das zerrt an den Nerven. Da kann man Unkenrufe aus dem Westen weiß Gott nicht brauchen. Das ist dann einfach zuviel.

Der polnische Balanceakt – bisher von den Arbeitern und auch von der Regierung mit soviel Präzision ausgeführt – verlangt, daß alle Umstehenden den Atem anhalten und die Akteure nicht mit ihrem Krisengeschrei verunsichern. Denn ist es nicht so, als balancierten zwei Rivalen auf dem Seil? Sie gehen, von verschiedenen Seiten kommend, drohend aufeinander zu und wissen doch beide ganz genau, daß keiner den anderen zum Absturz bringen darf, weil sie nur gemeinsam überleben können. Also Schluß mit den irritierenden Unkenrufen.

Und Warnungen an Moskaus Adresse sind im Grunde auch überflüssig. Für die Sowjets steht unendlich viel auf dem Spiel, denn Polen hat für den Warschauer Pakt kaum weniger Bedeutung als die Bundesrepublik für die Nato. Darum zählt die Drohung, der Westen werde die Entspannung endgültig blockieren, falls Moskau in Polen einmarschiere, nicht viel. Das Problem „Polen“ wird von den Sowjets unter ganz anderen, sehr viel existentielleren Gesichtspunkten betrachtet und entschieden. Anstatt die emotionale Besorgnis „die Russen kommen“ ständig zu wiederholen, wäre es besser, sich einmal ganz rational die Frage zu stellen, die sich die Sowjets zweifellos auch stellen: „Und was nach einer Intervention?“

Natürlich könnten die Sowjets das Land in drei Tagen unter ihre Botmäßigkeit zwingen. Selbst wenn, was anzunehmen ist, ein Teil der polnischen Armee kämpft, aber auch, wenn die Kremlführer sich ungerührt über einige tausend Tote hinwegsetzen sollten, müßten sie auf Jahre hinaus die Wirtschaft subventionieren und mit Sabotageakten gegen die Verbindungslinien rechnen, die durch Polen zu den 22 russischen Divisionen führen, welche in der DDR stationiert sind. Moskau kennt das Nationalgefühl und die Aufsässigkeit der Polen, darum wollen die Sowjets es der polnischen KP-Führung überlassen, Ordnung im Lande zu halten. Und falls Russen überhaupt beten, dann beten sie bestimmt dafür, daß dies gelingen möge. Im Kommuniqué der Warschauer-Pakt-Staaten heißt es daher: „Die Teilnehmer des Treffens brachten ihre Überzeugung zum Ausdruck, daß die Kommunisten, die Arbeiterklasse, die Werktätigen des brüderlichen Polen imstande sein werden, die entstandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die weitere Entwicklung des Landes auf sozialistischem Weg zu sichern... Die Vertreter der PVAP betonen, daß Polen ein sozialistischer Staat, ein festes Glied der Familie des Sozialismus war, ist und bleibt.“

Allerdings: Gelingt dies nicht, sollten die Polen in diesem Winter bei 20 Grad Kälte stundenlang für Lebensmittel anstehen und dann auch noch in ihren Wohnungen frieren müssen, dann könnte es wohl sein, daß die Wut stärker wird als jegliche Vernunft. Und wenn dann erst ein paar Parteibüros brennen und die Miliz eingesetzt werden muß, dann könnte man sich vorstellen, daß die vielen hohen Parteigenossen, die bei den Säuberungen der letzten Monate hinausgeflogen sind, die Sowjets zu Hilfe rufen, um die Herrschaft der Partei zu retten.