Kein Zweifel – die Epidemie breitet sich jetzt auch hierzulande aus... Immer mehr Bundesbürger werden von von der Tüftelwut gepackt, einem unerklärlichen Puzzle-Fieber, das jeden befällt, dem der geheimnisvolle, achteckige Bazillus in die Finger gerät – ein 6 × 6 x 6 Zentimeter großer, bunter Kunststoffwürfel.

Das Ding hat es in sich: Durch ein ausgeklügeltes Achsensystem lassen sich die 26 Miniwürfel, aus denen es zusammengesetzt ist, in zwei Ebenen verdrehen. Wer es tut riskiert, daß sich der ursprüngliche Zustand – eine Farbe pro Seite – auf Nimmerwiedersehen verändert: 43 Billionen Kombinationen kann man nämlich so zusammendrehen. Die Chance des Puzzlefreunds, aus dem bunten Chaos die ursprünglichen sechs einfarbigen Seiten zu rekonstruieren, ist minimal.

Manch einer, der mit Schweißperlen auf der Stirn an dem vertrackten Würfel herumhantierte, ist denn auch schon der Verzweiflung nahe gewesen. „So was schenkt man nur seinem ärgsten Feind“, stöhnte einer, nachdem er ganze Tage vergeblich damit zugebracht hatte, der Lösung auf die Spur zu kommen.

Allen Frustrationserlebnissen zum Trotz übt das geometrische Monstrum eine enorme Faszination aus: „Fassen Sie ihn nicht an“, lauter die Warnung auf der Verpackung, „er läßt Sie nicht wieder los.“ Am meisten verblüfft über die Wirkung zeigte sich der Erfinder des magischen Kubus, der Ungar Ernö Rubik. Er ist Professor für Innenarchitektur und Design an der Kunstakademie Budapest und hatte, als er das geniale Stück vor sechs Jahren bastelte, damit eigentlich nur seinen Studenten auf sehr pädagogische Weise das räumliche Denken! nahebringen wollen; Patentiert und in Serienproduktion gegangen, satz. Auf der Budapester Messe 1978 wurde auch das Ausland aufmerksam auf diese Herausforderung an das logische Denkvermögen. Als ein amerikanischer Spielzeug-Trust dem Tüftel-Professor die Lizenz abkaufte, begann der magic cube seinen Siegeszug um die Welt.

Inzwischen hat der vielfach preisgekrönte Würfel Eingang in Mathematikunterricht und wissenschaftliche Vorlesungen gefunden; testfreudige amerikanische Psychologen haben ihn als Bestandteil von Berufseignungsprüfungen eingeplant, und in Deutschland war der Würfel Anlaß einer Vereinsgründung: von Rubik’s Cube Club, im letzten Sommer von dem Freizeitlogiker Rainer Seitz ins Leben gerufen, möchte seinen Mitgliedern und Interessenten Hilfestellung bei der Lösung des Würfelproblems anbieten. Allerdings nicht durch Offenbarung des „unfehlbaren“ Systems – das läßt sich mittlerweile mehrfach variiert und mit unterschiedlichem Verständnis aus einem halben Dutzend Büchern entnehmen –, sondern eher unter dem kommunikativen Aspekt des Gedankenaustausches über die verdrehten Wege zum Ziel.

Es soll nicht mehr lange dauern, und ordnungsgemäß registrierte Würfel-Cracks können sich gegenseitig am Autoaufkleber erkennen. Für das kommende Jahr sind die ersten deutschen Meisterschaften geplant (Rekordleistungen sollen derzeit bei etwa fünfzig Drehungen in zwei bis drei Minuten liegen). Dem neuen Volkssport steht nichts mehr im Wege. Vorsitzender Seitz erwartet für die nächste Zeit gewaltigen Zulauf zum Verein der Würfeldreher.

Es sieht so aus, als hätten wir es bei dem wundersamen Würfel mit dem gesellschaftlichen Phänomen der achtziger Jahre zu tun. Die Beschäftigung mit Rubik’s Cube geht durch alle Schichnochfliegende Intellektuellenparty zum konkreten Handeln animiert, oder ob er, als Einzugsgeschenk in der Wohnung herumliegend, die Maler vom letzten Pinselstrich abhält – der magische Würfel wird, davon ist zumindest sein Fan-Club überzeugt, in Zukunft über alle Klassenschranken hinweg einen festen Platz in unserem sozialen Leben einnehmen, gewissermaßen ein „gesellschaftlich relevantes“ Moment.