Von Wolfgang Boller

Immer sitzt eine Taube auf seinem Kopf. Das sieht von weitem aus, als trüge er ein närrisches Hütchen. Die unfreiwillige Komik widerspricht seiner Gemütsbewegung. Er strahlt Würde aus und entrückte Heiterkeit. Der Tonkünstler lauscht in sich hinein. In seinem Inneren erklingt eine Melodie, vielleicht der dritte Satz seines Streichquartetts in e-Moll, das Lied von Liebe und süßer Erinnerung. Das war seine Jugend, der Erfolg, das Glück. Der Bart bebt ein wenig, die dunklen Augen hinter der Drahtbrille schauen auf das Paradies der Mühseligen und Beladenen. Die Haltung ist ein einziges Alibi („Sprich mich nicht an, Freund, geh’ grußlos vorbei“). So war er: Smetana..

Freund, Jan Neruda erzählte von ihm: „Smetana ist streng darauf bedacht, daß der Ton dem Wort, voll entspreche. Sie begegnen ihm zufällig am Kai und im Vorübergehen hören Sie, wie er vor sich hin deklamiert. Er ist gerade mit der Komposition einer neuen Oper beschäftigt.“

Seine Zeitgenossen haben ihn schlecht behandelt. Der Schöpfer der tschechischen Nationalmusik, der größte Künstler der Tschechen überhaupt, starb in Armut und Einsamkeit. In den letzten Jahren war er taub, seine Sinne verwirrten sich. Spätere Generationen erkannten mit Schuldgefühlen, was ihm angetan worden war und wollten nun alles wieder gutmachen. Sie setzten ihm Denkmäler, benannten Straßen und Plätze nach ihm. Unter ihnen lebt er fort als heiterer Spaziergänger, auch dort, wo das Bild mit seinen Lebensdaten nicht übereinstimmt wie in der böhmischen Stadt Pilsen beim Schnittpunkt von Smetanastraße und Smetanapark. Dort steht er wandelnd, auf dem Kopf die Taube.

Doch, doch – er hat in Pilsen gelebt, als es den Park über dem Grundriß der Stadtmauer, die grünen Rabatten und die Linden noch nicht gab. In der Philosophischen Hochschule, ein Steinwurf von seinem Denkmal, hat er drei Jahre Philosophie studiert. Da war längst noch nicht sicher, daß er Musiker würde, aber dreizehn Kompositionen registriert er im Tagebuch.

In Pilsen begegnete er der Spielgefährtin aus Kindertagen wieder, der wilden Kathi, und er notierte: „... sie ist’s und wird’s bleiben.“ Sie war’s und blieb’s bis zu ihrem Tod nach zehn Ehejahren. Damals in Pilsen lag das Leben vor ihnen. Mit 19 Jahren verließ er die Stadt, ein zierliches, schmächtiges, schüchternes Studentlein mit zwanzig Gulden in der Tasche. Nein, das war nicht der Spaziergänger aus Bronze.