Lech Walesa und seine Massenbewegung Solidarität sind bisher von Polens rebellischem Messianismus getragen worden, der nicht zuerst nach Sieg oder Niederlage fragt, sondern aus der Opferbereitschaft der Nation die einzige Hoffnung auf eine lebens- und rühmenswerte Zukunft gewinnt. Dieses neu erregte, unvermindert heroische Geschichtsbewußtsein gegenüber drei Jahrhunderten russischer Vorherrschaft soll Parteichef Kania entschärfen – doch auch dieser Anti-Messias ist der symbolträchtigen Vergangenheit auf Schritt und Tritt ausgesetzt.

Am vergangenen Freitag wurden Kania und seine Delegation im Kreml ins Gebet genommen, bevor ihnen die ratlose Sowjetführung eine weitere Frist einräumte. Auf die Woche genau vor 150 Jahren, am 7. Dezember 1830, mußte der polnische Fürst Drucki-Lubecki vorm Thron des Zaren Nikolaus das Knie beugen und über jene noch folgenreiche Revolte verhandeln, die Warschauer Kadettenschüler am 29. November 1830 ausgelöst hatten.

Die Mission des Fürsten blieb am Ende ohne Erfolg – auch wenn die Russen noch zwei Monate bis zu ihrem Eingreifen verstreichen ließen –, und der Zar notierte über die Polen und ihre Unterhändler: "Sie sind alle mehr oder weniger verrückt: Ich kann es mir nicht anders erklären."

Was dem Zaren verrückt erschien, haben die Polen bis heute bewahrt. Sie hängen mit allen Fasern an historischen Triumphen, Träumen und Territorien, die ihnen die Russen vor allem, aber lange Zeit auch die Deutschen und der polnische Adel (mit seiner Unfähigkeit zur Selbstregierung) genommen haben. Noch am Vorabend der jüngsten Moskaureise Kanias, am Namenstag der heiligen Barbara, erinnerte der Erzbischof von Breslau in Walbrzych (Waldenburg) an den Aufstand von 1830, "als unsere jungen Männer ihre Leben hingaben für die Freiheit vom russischen Zaren". Hemden, durchbohrt von Kosakenschwertern, seien durch Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt worden – auch heute müßten die Eltern ihre Kinder in polnischer Tradition erziehen.

Im Westen wird nur mit Mühe verstanden, was die Polen wirklich zu ihren verzweifeltstolzen Herausforderungen bewegt. Fleischmangel und Preiserhöhungen lösen nur Demonstrationen aus, aber sie tragen sie nicht. Alle, weiteren Handlungen und ihre Darsteller erhalten sogleich symbolischen Zuschnitt und historische Überwürfe. Magie und Mythen auf immer gleicher Bühne: Jenes Theater zum Beispiel, in dem jüngst die Gewerkschaft Solidarität den Gerichtsentscheid über ihre Registrierung feierte, stürmte schon 1794 ein anderer Walesa zum Aufstand gegen die Zarin Katharina – der Schuster Kilinski mit seinen Handwerkern.

Polens Sicht der Realität wird von Rußland verstellt. Jeder Blick auf – die Geschichte der Adelsrepublik (1454–1795), der Bürgerrepublik (1918–1939) und der Volksrepublik macht das verständlich. Dieser Staat, den Russen, Preußen und Österreicher mit den schändlichen Teilungen von 1772, 1793 und 1795 für 123 Jahre von der Landkarte löschten, den Stalin und Hitler mit einer vierten Teilung zerstückelten und den Moskau anschließend um rund hundert Kilometer nach Westen verschob – dieser Staat hat in drei Jahrhunderten nicht die Kontinuität und den Realitätssinn eines "normalen" europäischen Landes entwickeln können.

Die Nation, gewann ihre Gestalt nicht aus der Selbstbestimmung, sondern in der Unterdrückung, nicht durch, eine Politik als Kunst des Möglichen, sondern durch Poesie und Romantik. Und nicht einmal die Landschaft dieser romantischstaatserhaltenden Poesie stimmt mit der Geographie des heutigen Polens noch annähernd überein. Die Sprache als letzte, unverrückbare Bastion gegen Teilungen und Grenzziehungen, gegen Russifizierung und Germanisierung: Kein Wunder, daß in Warschau und für Walesa noch immer das Wort der Welt überlegen erscheint. Kein Wunder, auch, daß die Polen bisweilen so auftreten, als seien sie eher bereit, für die Benennung der Dinge zu sterben – statt ihre Sache so zu gestalten, daß sich für diese zu leben lohnt.