Warschauer Getto

Von Janusz Reiter

Es ging nur um die Art zu sterben“, sagt Dr. Marek Edelmann mit der Nüchternheit und Distanz eines Menschen, der sich nur ungern zum Sprechen überreden läßt. An Legendenbildung hat er kein Interesse, dann lieber schon schweigen. Dreißig Jahre hat Marek Edelmann geschwiegen. Über das Warschauer Getto und den jüdischen Aufstand wurden in dieser Zeit Bände geschrieben, die es teilweise mit der Wahrheit nicht ganz genau nahmen. Doch der einzige, der sie korrigieren konnte, war nicht zu sprechen: Dr. Marek Edelmann, der einzige Überlebende der ehemaligen Führer des jüdischen Aufstandes im Warschauer Getto 1943.

Die Warschauer Journalistin Hanna Krall war die erste, die Edelmann zum Erzählen bewegen konnte. Das Ergebnis ihrer Gespräche ist das Buch:

Hanna Krall: „Schneller als der liebe Gott“. Mit einem Vorwort von Willy Brandt. Aus dem Polnischen übersetzt von Klaus Stammler, Edition Suhrkamp, Frankfurt 1980; 152 S., 9,– DM.

Es ist ein Buch vom Sterben in einer Zeit, die keine andere Wahl ließ als die Todesart. Die Frage ging nicht nach dem „ob“, sondern lediglich nach dem „wie“. In der Masse, die ihren Mördern folgend, manchmal nichts ahnend nach Treblinka ging? Das war die Entscheidung der Mehrheit, wie Edelmann und seine Freunde mit Ratlosigkeit und Wut feststellten. Oder so wie der Präses Czerniakow, der Selbstmord wählte? Er tat es ohne ein Wort der Erklärung, so ab ob es nur seine private Sache wäre. Die Jungen – Edelmann war damals zweiundzwanzig Jahre alt – haben ihm das übelgenommen: „Wir wußten, daß man öffentlich sterben mußte, vor den Augen der Welt.“

So wie Szmul Zygielbojm, ein jüdischer Politiker Und Mitglied des polnischen Nationalrats in London? Vor seinem Selbstmord schrieb er einen Brief an Staatspräsident Raczkiewicz und Ministerpräsident Sikorski: Ich weiß, wie wenig das menschliche Leben in unserer Zeit bedeutet. Da ich aber in meinem Leben nichts tun konnte, so will ich wenigstens mit meinem Tod dazu beitragen, die Gleichgültigkeit derjenigen zu durchbrechen, die – möglicherweise im letzten Augenblick – die noch lebenden polnischen Juden retten können.“