Washington, im Dezember

Sozialismus wurde dem britischen Labour-Linken Tony Benn gesagt, gelte in Amerika als ein dirty ward, ein häßliches Wort. Eine Konferenz, in Washington unter dem anspruchsvollen Etikett „Eurosozialismus und Amerika“ mache doch wohl keinen Sinn. Tony Benn zog ein paarmal an seiner Pfeife und antwortete dann halb ironisch, halb ernsthaft, sogar schon 200 Jahre vor Karl Marx hätte es sozialistische Ideen in England gegeben. Jahrhunderte danach gebe es immer noch feudale Reste; 1880 hätten die Gewerkschaften in England sich in einer ähnlich ungünstigen Position befunden wie heute die Gewerkschaften in den USA. Eine Revolution von links in Amerika finde bestimmt nicht „am Donnerstag oder nach der Lunchtime statt“.

Zu dem transatlantischen Familientreffen von Sozialdemokraten, Sozialisten und Liberalen war aus Europa alles angereist, was bei den Sozialdemokraten Rang und Namen hat, die Parteivorsitzenden Willy Brandt, Olof Palme (Schweden), Joop den Uyl (Niederlande), Felipe González (Spanien), François Mitterrand und sein Widersacher Michel Rocard aus Frankreich, aus London Tony Benn. Der eurosozialistisch-amerikanische Dialog sollte beginnen, getragen vom German Marshall Fund; eingeladen vom Institute for Democratic Socialism, unter Leitung Michael Harringtons, der einen guten Namen als engagierter linker Autor, aber auch einen als politische Randfigur hat.

Die Voraussetzungen waren ungünstig. Fast alle amerikanischen Gewerkschaften ignorierten den Kongreß, nachdem der Dachverband unter der Regie Lane Kirklands schon vorher Willy Brandt und das ganze euro-amerikanische Unternehmen mit mehr oder minder offenem Mißtrauen abgewertet hatte. Kirkland bewog auch den deutschen DGB-Chef Heinz-Oskar Vetter, seine Zusage wieder zurückzuziehen: Vetter hat selbstredend lieber den Frieden mit dem mächtigen Freund als mit ohnmächtigen Außenseitern und Randfiguren gesucht. Hans Matthöfer, der ja auch einmal dabeisein sollte, hatte verzichtet. Senator Ted Kennedy, der dem Ganzen von amerikanischer Seite Glanz geben sollte, entschuldigte sich zwei Tage vor dem Kongreß, erschien statt dessen zu einem Abendessen mit Harrington und den Sozialdemokraten Europas im trauten Kreis, um sich bald wieder wegen Termindrucks aus dem Restaurant zu verabschieden, das zufällig „La Bagatelle“ hieß.

Die Herren aus Europa blieben mit George McGovern zuruck, der auch nicht zu den Zukunftshoffnungen der Linken in Amerika gehört.

Eine Mission, distanzierte sich Willy Brandt, habe man sich für Amerika nicht vorgenommen: jedenfalls könne der Dialog „auf keinen Fall schaden“. So haben die eingeflogenen Sozialdemokraten den Versammelten erzählt, wie weit sie in Europa mit ihren Vorstellungen von Mitbestimmung, Wohlfahrt, Einkommensverteilung, von Fortschritt überhaupt gekommen seien. Für die Zuhörer, so sagte Michael Harrington, repräsentierten die Gäste das, was in den Vereinigten Staaten prinzipiell geändert werden müsse.