Von Andreas Flitner

Es wäre schön und beunruhigend zugleich, wenn die Erziehungswissenschaft klipp und klar sagen könnte, welche Schulformen die besten sind. Schön wäre es, weil man damit einen bildungspolitischen Kampf einstellen könnte, der im Schulwesen der Bundesrepublik viel Schaden gestiftet hat: den Kampf um die Gesamtschule. Beunruhigend wäre eine solche Entscheidung aber, weil damit ein festes Maß für die Qualität aller Schulen vorgegeben wäre – ein Einheitsmaß, wie es freilich manchem Bildungspolitiker vorschwebt.

Zum Glück für die Schüler, die ja unendlich verschieden sind, und auch für die Eltern, die Verschiedenes von den Schulen erwarten, gab es in unserem Schulwesen bisher noch eine große Mannigfaltigkeit. Und die Gesamtschulen haben diese Vielfalt zu vergrößern oder wiederherzustellen versucht, indem sie nicht nur andere Organisationsformen anbieten, sondern andere Inhalte bevorzugen,. andere Schwerpunkte setzen, andere Sozialformen und einen anderen Stil des gemeinsamen. Arbeitens anstreben.

Wie soll man dann aber feststellen, welche Schule die „bessere“ ist? Kann man das Neue, das da angezielt wird, mit dem herkömmlichen Schulwesen anders vergleichen als Äpfel mit Birnen?

Von den Schwierigkeiten des Vergleichens lassen sich aber weder die Forscher abschrecken noch die Politiker, die Forschungsaufträge vergeben. Man kann einmal diese verschiedenen Zielsetzungen der Schulen unter gemeinsamen, übergeordneten Fragen behandeln, zum Beispiel: In welcher Schule lernen die Schüler leichter? In welcher fühlen sie sich wohler und haben weniger Angst vor Prüfungen?

Mari kann ferner, solche Fakten und Daten vergleichen, die sich. messen und zählen lassen £. die Menge der Sitzenbleiber und Schulabgänger oder die Zahl der Wechsler von Schulkarrieren. Wie steht es mit der „katholischen Arbeitertochter vom Lande“, jener Kunstfigur der Chancengleichheitsdebatte: In welcher Schule hat sie – jedenfalls statistisch – bessere Aussichten auf einen guten Schulabschluß? Und schließlich, Schwerpunkte hin oder her: Man wüßte doch gern, ob ein Gesamtschüler durchschnittlich besser oder schlechter Englisch kann als ein Gymnasiast, wenn er die Schule verläßt.

Mit solchen Fragestellungen sind eine ganze Anzahl von Untersuchungen zum „Systemvergleich“ zwischen Gesamtschulen und dreigliedrigem Schulwesen durchgeführt worden – ein Bericht darüber (Haenisch/Lukesch, 1980) zählt allein 27 Fragen, zum Vergleich der Lernleistungen. Das aufwendigste Forschungsunternehmen ist eine „Drei-Länder-Studie“, die in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen von verschiedenen Forschergruppen unter Leitung des Konstanzer Bildungsforschungsinstituts durchgeführt worden ist. Seit der Teil, der Nordrhein-Westfalen betrifft, ausgewertet, und (in neun Bänden) veröffentlicht worden ist, versuchen die Streithähne der Bildungspolitik, die komplizierten Ergebnisse in ihr Lager zu ziehen und ihre Kampfpositionen mit Material aus diesen Untersuchungen nachzurüsten.