Die liberalen träumen wieder von der Volkspartei – Das Programm soll für alle gelten

Von Rolf Zundel

München, im Dezember

Wer der Spruchweisheit vertraute, daß auch Feuer sei, wo Rauch aufsteige, mußte glauben, die FDP sei ein gewaltiger Brandherd. Die Qualmwolke auf dem Münchener Parteitag der Liberalen war beträchtlich, zum Beispiel bei der Auseinandersetzung darüber, wie denn die Partei mit ihren beiden rivalisierenden Jugendorganisationen, den Jungdemokraten (Judos) und den Jungen Liberalen (Julis) ins reine kommen sollte. Kaum ein Delegierter, der seine Rede nicht mit dem löblichen Vorspruch eröffnete, die Partei habe wahrlich wichtigere Probleme – und sich dann in den Streit stürzte. Freilich achteten fast alle darauf, daß nicht bis zur Entscheidung gekämpft wurde, daß da nicht Sieger oder Besiegte zurückblieben. Der einzige, dem es gelang, in diesem Qualm mühelos das Feuer zu finden, war der saarländische Landesvorsitzende Werner Klumpp, der den Liberalen unmißverständlich die Trennung von den Jungdemokraten empfohlen hatte. Er verließ den Parteitag ziemlich angesengt.

Entscheidungen wurden in München auf das Allernotwendigste beschränkt – auf die nach der Satzung unvermeidliche Neuwahl der Parteiführung. Und auch da waren einschneidende Veränderungen nicht gefragt. Die Idealkonstruktion – das Dreieck Genscher (Parteivorsitzender), Lambsdorff und Baum (als Stellvertreter) – war schon im Vorfeld als schön aber undurchführbar zu den Akten gelegt worden. Im Präsidium räumte nur der angeschlagene Josef Ertl – halb zog man ihn, halb sank er hin – dem jugendlichen FDP-Chef von Baden-Württemberg, Jürgen Morlok, den Platz.

Morlok gilt Konservativen von der Art Ertls als durchaus akzeptabel, Linke finden sich bei ihm nicht schlecht aufgehoben, das Auge des Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher ruht wohlgefällig auf ihm, und der Erfolg – die Integration eines früher heillos zerstrittenen Landesverbandes und zwölf Prozent Stimmen für die FDP im Südwesten – scheinen ihm recht zu geben. Er gehört nicht zu denen, die „Ecken und Kanten“ demonstrativ vorweisen, er nutzt, ohne aufzutrumpfen, kühl seine Chance – eine liberale Ausgabe des politischen Modells, das sein sozialdemokratischer Landsmann Volker Hauff noch etwas schöner verkörpert: So wünschen sich Mütter einen Sohn, der es zu etwas bringt. Die Partei wählte ihn gern.

Mit Günter Verheugen, dem Generalsekretär, tut sich die FDP da um einiges schwerer. Aber die Partei gewöhnt sich nur schwer an die Vorstellung, daß er Politik macht. Seine Mischung aus Analyse, die frisch aus dem Eisschrank der Sachlichkeit kommt, und einigem radikaldemokratischen, sozialen Engagement nebst einigen persönlichen, Einsprengseln von Aufmüpfigkeit, ist nicht jedermanns Sache. Für Konservative zumal hat das etwas Beunruhigendes, Ungemütliches, und wo es Ärger in der Partei gibt, wird er gern auf ihn abgeladen. Manche der konservativen „Kanalarbeiter“ in der Fraktion haben ein fast instinktives Mißtrauen gegen den Mann der Partei im Thomas-Dehler-Haus, und für die Freunde Josef Ertls ist er der natürliche Adressat ihres Zornes.