Von Peter Jennrich

Vor vierzig Jahren kam zwei amerikanischen Mathematikern eine Zahl in den Sinn, ein „Googol“. Der kleine Sohn des einen erfand den Namen, wohl weil er leicht perplex war. Denn ein „Googol“ ist eine Eins mit hundert Nullen. Natürlich kann man auch zehn hoch zehn hoch zwei schreiben, aber das macht die Sache nicht minder bizarr. Eine unvorstellbare Zahl, mathematische Spielereien also, ohne Fleisch und Blut?

Nehmen wir eine Zahl aus Fleisch und Blut. Der menschliche Körper besteht aus hunderten verschiedener Zelltypen, rund zehn Billionen insgesamt. Von der Zeugung bis zum Tode ist diese Population das Produkt von zehn Billiarden Zellteilungen. Zehnmillionenmal eine Milliarde Mal lösen sich zwei zur Doppelspirale verknäulte Molekülketten Desoxyribonukleinsäure (kurz: DNA) im Zellkern voneinander und geben sämtliche Erbinformationen, alle Baupläne des Lebens als Kopie für die Tochterzellen frei.

DNA wiederum ist aus bestimmten Molekülen (im wesentlichen sind es vier Basen) zusammengesetzt. Die kompletten genetischen Informationen des Menschen sind in nicht weniger als zehn Milliarden dieser Basen gespeichert. Und zehnbilliardenmal, siebzig Jahre lang mit etwas Glück, geben Zehntausende zu Genen gebündelte Abschnitte der DNA detaillierte Befehle für Körperwachstum, Zelldifferenzierung, Altern und Gewebsindividualität.

Ein „Googol“, so scheint es, ist weniger kompliziert, als jene Überraschungen, für die noch auf Jahre hinaus nur ein paar tausend der in einem Chromosom konzentrierten Basen gut sind. Denn paradoxerweise sind die Gene des Abwehrsystems auf dem kurzen Arm des Chromosoms 6 nicht nur für den Schutz vor bakterieller Invasion oder Virusinfekten mitverantwortlich. Sie sind auch für die Anfälligkeit bei einer ganzen Reihe schwerer Krankheiten zuständig.

Für die Immunologie freilich begann diese Feststellung in den vierziger Jahren mit der Pionierarbeit des (1955 verstorbenen) Briten Peter Gorer und des Amerikaners George Snell (77). Sie fanden heraus, daß die Haupttransplantate nicht miteinander Verwandter Spendertiere abgestoßen, wurden. Systematische Untersuchungen von Peter Gorer erbrachten dann bei der Maus vier H-Antigene (H für Histo-(Gewebs-)Verträglichkeit), die eine mögliche Abstoßungsreaktion einleiten.

George Snell, einem der drei diesjährigen Nobelpreisträger für Medizin, gelang es nach mühseligen Versuchen mit Mäuse-Inzuchtstämmen über 15 Generationen hinweg schließlich „eine Gruppe von zehn Gen-Orten zu identifizieren, welche die Abstoßungsreaktionen“ regulieren.