Gewiß, die Auseinandersetzungen um die Gedichte von Erich Fried dokumentieren ihre Wirkung. Er schreibt engagiert, nennt die Dinge beim Namen, differenziert Sachverhalte, stellt unangenehme Fragen, attackiert Dogmatik und Orthodoxie. Vor allem aber schreibt er „denkende Dichtung“, das heißt: er will nicht überreden, sondern überzeugen, nicht agitieren, sondern argumentieren. Er mag manche politische Sachverhalte in einer anderen, zuweilen auch in einer falschen Perspektive sehen, aber seine Gedichte-sind immer offen für Widerspruch, sie verschliefen sich nicht dogmatisch und rechthaberisch, sondern laden zu eigenem Denken ein, was seine Gegner jedoch keineswegs davon abhält, ihn anhaltend zu verleumden. Man degradierte ihm nicht nur zu einem „sogenannten Schriftsteller“, sondern^stellt ihn und seine „sogenannte Dichtung“ neuerdings sogar ins Vorfeld des Terrorismus.

Der Urheber solcher Anschuldigungen ist der ehemalige ZEIT-Redakteur und jetzige Sprecher des Justizministeriums, Sepp Binder, und der Ort der Handlung eine „Fallstudie“ in dessen Schrift: Terrorismus – Herausforderung und Antwort (Verlag Neue Gesellschaft). Im Mittelpunkt dieser „Fallstudie“ steht Erich Frieds Gedicht „Auf den Tod des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback“. Der Text besteht aus sieben Strophen und zeigt weder Sympathie für den Ermordeten noch für die Mörder. Er beginnt mit dem „toten Menschen / der auf der Straße lag / zerfetzt von Schüssen“, mit einer kurzen Betrachtung eines allgemeinmenschlichen Lebenslaufs und einer subjektiven Verurteilung von Bubacks Rechtsprechung und Rechtsauffassung, ohne daß der Autor dafür Beispiele nennt.

Der für den Zusammenhang entscheidende Kommentar steht in der sechsten Strophe: „Sein Tod wird helfen / das Denken / auf ihn abzulenken / und so zu verdecken das Unrecht / von dem dieser Mensch / nur ein Teil war / Schon darum / kann ich nicht ja sagen / zu seinem Tod / vor dem mir fast so sehr graut / wie vor seinem Leben.“ Diese dialektisch formulierte Aussage variiert die siebte und letzte Strophe: „Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / wäre nicht so gestorben / Es wäre besser gewesen / ein Mensch / hätte nicht so gelebt.“

Das sind die realen Aussagen von Frieds Gedicht. Was macht nun der „sogenannte Interpret“ Sepp Binder daraus? Ihn erinnern „die Verse von Erich Fried... an ein biblisches Bild“, an den „Riesenturm“ in Babylon. Weshalb? Im Text ist davon zwar keine Spur zu finden, aber darum geht es Binder nicht, sondern vielmehr um solche subtilen Erläuterungen: „Die Sprachverwirrung war komplett. Übrig blieben die Ruinen.“

Er als Sprecher des Justizministeriums sieht hier einen dieser linken Schriftsteller Kritik üben an der Rechtsauffassung seines Staates (es geht um die vierte Strophe), und schon wird Babylon beschworen und dergestalt scharfsinnig gedeutet: „Daß es menschliche Neigungen gibt, die zum Chaos der Begriffe führen.“ Für Binder geschieht nämlich, wie er in der einleitenden Notiz zu seiner Fallstudie ’ausführt, die „Umwertung der Werte... zu allererst durch die Sprache“, ja er meint sogar mit dem „Sprachwissenschaftler (I) und Philosophen Friedrich Heer“, daß jeder „weltgeschichtliche Kampf... Kampf um Machtübernahme in der Sprache“ sei.

Für Binder trägt also Frieds Gedicht nicht bloß zu einer babylonischen Sprachverwirrung bei, sondern auch noch zu einer illegalen Machtübernahme in der deutschen Sprache, wogegen eigentlich sowohl die Österreicher protestieren müßten, da Erich Fried 1921 in Wien geboren ist, als auch die Engländer, da er seit 1938 als Emigrant dort lebt. Daß Binder keineswegs frei ist „von falschen und gefährlichen Emotionen“, wie ihm die Friedrich-Ebert-Stiftung im Vorwort voreilig bescheinigt, illustriert schon die Strategie seiner Interpretation, die nur behauptet, aber nirgends beweist. Seine Fabrikationen, die man nicht mit Engagement „für die freiheitlich demokratische Grundordnung“ verwechseln sollte, operieren kaum mit Hinweisen auf den Text und lauten selbstherrlich folgendermaßen: „Erich Fried betreibt Falschmünzerei mit der Sprache. Gewalttätiges Handeln und nötigendes Wort sind bei ihm verschwistert“; das „Kernstück der Verse von Fried ist ein Gauklertrick mit Begriffen“; er biegt „lakonisch Unrecht zu Recht“ um; er erzeugt „wachsenden Fanatismus“, totale Unterwerfung, leistet „der Gewalt ideologisch Vorschub“ und „reiht“ sich damit in die Tradition der „SA-Schergen“ ein.

Dem jüdischen Emigranten Fried, der vor Hitler aus Österreich fliehen mußte, die Anknüpfung an eine solche Tradition zu unterstellen und ihm noch dazu ein Kolleg über Hitlers brutale Kampftruppen zu halten, demonstriert eben jene Inhumanität, die der Verfasser dieser Fallstudie dem Dichter Fried anlastet. „Buback“, so behauptet Binder, „,dieses Stück Fleisch’, ist bei Fried zur Sache geklumpt... Das ist inhuman. Nicht nur gegenüber dem Karlsruher Ermordeten, sondern auch gegenüber der Sprache: sie wird zu einem Instrument potentieller Gewalt.“