Es geht ihm wie Mime – seit März 1975 schon muß Christoph von Dohnányi wie der Nibelung sinnen: „Wie errang ich mir den Ring?“ In Frankfurt mußte er als Operndirektor gegen seinen „Götterdämmerungs“-Regisseur Peter Mußbach prozessieren, das von ihm selber inszenierte „Rheingold“ hatte nur gutbürgerliches Stadttheater zu bieten – dann ging Dohnanyi als Intendant an die Hamburgische Staatsoper.

Dort sollte in dieser Saison wenn nicht der große Wurf gelingen, so doch wenigstens schon einmal eine Reif-Hälfte glänzen. Aber wie Mime schon singt: „Den Zauber erriet ich nicht recht“ – was da im „Rheingold“ musikalisch sich tat, war schlicht eine mittlere Katastrophe, und dies nicht nur der Sänger oder Instrumentalisten wegen.

Was anschließend aus den Heiligen Hallen verlautbarte, genügt der Kategorie Kolportage. Das Orchester solle, so flüsterte es aus der Managementetage, absichtlich falsch und desinteressiert gespielt haben – der Dirigent/Intendant verlangte eine völlig neue, natürlich Spitzen-Blechbläserbesetzung, wohl wissend, daß er die nicht bekommen kann, nicht einmal für viel Geld. In seinen Verlängerungsvertrag (den er aushandelte, als die hanseatischen Kulturverwalter noch mit der frischen Schmach zu kämpfen hatten, einen Boy Gobert nicht gehalten zu haben) zwang er neben der Bewilligung eines weiteren Monats Abwesenheit die Zusage für einen „Orchesterinspektor“ hinein – wohl wissend, daß schon ein „Orchesterdirektor“ den Auftrag hat, die „Dienste“ der 128 Philharmoniker nach Rechten und Pflichten des Tarifvertrages zu verteilen; daß zwar dem Orchester im Grunde zehn Musiker fehlen, die Stadt aber auf absehbare Zeit keine zusätzlichen Stellen bewilligen kann und will und ein zusätzlicher Bürokrat in der Opernverwaltung keine Lücke unter den Musikern im Orchestergraben füllen kann. Als der Inspektor nun gefunden und verpflichtet wurde – entgegen einer Verabredung und ohne Konsultation des (betriebsratsähnlichen) Orchestervorstandes –, trat der zurück und verstieg sich seinerseits zu der Empfehlung an den Intendanten, in der nächsten Zeit besser „nur mehr den Intendanten zu spielen und nicht mehr zu dirigieren“.

Fast wie ein deus ex machina wirkt da schon ein Unfall: Während einer Umbauphase im „Lohengrin“ riß ein Seilzug in der Oberbühnenmaschinerie. Ein herabfallender schwerer Eisenträger verletzte drei Bühnenarbeiter, einen davon lebensgefährlich – das Amt für Arbeitsschutz, soeben noch vom Hamburger Giftmüllskandal hart bedrängt, zog in einer Überreaktion die Notbremse: Die Opernbühnenmaschinerie darf ab sofort nicht mehr benutzt werden; erstes Opfer: „Die Walküre“.

Abgesehen von den möglichen Konsequenzen – müssen nun auch in allen anderen Häusern die Oberbühnen blockiert werden? Wer zahlt die Vertrags-Stornierung der nicht beschäftigten Sänger? – abgesehen davon also: Wann wird ein Senator einsehen, daß es unmöglich geworden ist, mit der Leitung eines so sensiblen wie vielschichtigen Organismus „Opernhaus“ einen so sensibel wie vielschichtig sich verdingenden ausübenden Künstler (Dirigent, Regisseur, Sänger) zu beauftragen? Wann wird ein Intendant auch eines Staatstheaters verstehen, daß es besser ist, einiges selber zu tun, als sich mit Inspektoren zu umgeben und an diese zu „delegieren“? Wann werden Streicher oder Bläser sich wieder auf ihr Musikantentum besinnen und Tarifvertrag und Nebeneinnahmen eine, aber die musikalische Qualität eine bessere Sache sein lassen? Wahn wird jemand den Mut haben, in einer Stadt mit über fünfhundert professionellen Instrumentalisten einen Musiker-Pool zu gründen, aus dem Staatsopernintendanten, Rundfunkredakteure oder Kantoren jene Mitarbeiter abrufen, die sie benötigen? Wann wird es schließlich in Hamburg eine Behörde geben, die nicht in erster Linie Angst in Machtdemonstration umsetzt?

Heinz Josef Herbort