Die Entführung einer polnischen Passagiermaschine hat ein Nachspiel: Ein Mig-Jäger, der die Maschine verfolgte, verstieß gegen den entmilitarisierten Status von West-Berlin.

Als der polnische Staatsbürger Andrzey Perka in der vergangenen Woche eine Verkehrsmaschine nach Berlin-Tempelhof entführte, waren die alliierten Behörden kaum überrascht. Denn dies war bereits das dritte polnische Flugzeug, das unfreiwillig in West-Berlin landete: Im Oktober 1969 hatten zwei DDR-Bürger eine Maschine der Fluggesellschaft LOT nach Tegel gezwungen; ein französisches Militärgericht verurteilte sie zu zwei Jahren: Gefängnis. Im August 1978 war es ebenfalls ein DDR-Bürger, der ein polnisches Flugzeug in Tempelhof landen ließ; zehn DDR-Bürger nutzten die unverhoffte Gelegenheit, um im Westen zu bleiben. Ein amerikanisches Gericht mit einem sehr eigenwilligen Richter aus Washington und deutschen Geschworenen entschied auf acht Monate Haft.

Die Alliierten hatten in beiden Fällen die Strafverfahren an sich gezogen, weil Flugzeugentführung mit Waffengewalt auch die alliierte Zuständigkeit für Status und Sicherheit Berlins berührt. Doch die Komplikationen des letzten Verfahrens ließen die Amerikaner diesmal anders reagieren. Sie überlassen die Strafverfolgung den deutschen Behörden und legen dabei Wert auf die Feststellung, daß sie nicht etwa die deutsche Justiz mit der Strafverfolgung beauftragt haben. Umgekehrt sei es richtig: Erst einmal seien die Deutschen zuständig, wie bei jedem Diebstahl oder Verkehrsunfall auch.

Aber aus einem anderen Gründe müssen die Westmächte doch handeln: Ein Jagdflugzeug russischer Bauart, wahrscheinlich von den DDR-Luftstreitkräften, hatte die entführte Maschine bis über West-Berlin verfolgt und an. der Landung hindern wollen. Das ist nicht nur eines. Verletzung der alliierten Luftkontrollzone über Berlin und eine Gefährdung des zivilen Luftverkehrs, sondern auch ein Verstoß gegen den entmilitarisierten Status der Stadt. Deshalb wollen die Westmächte bei den Sowjets in der gemeinsamen Luftsicherheitszentrale protestieren.

Joachim Nawrocki (Berlin)