West-Berlin

Als Türschild dient ein weißer Karton mit dem Aufdruck „Flüchtlings-Starthilfe e.V.“, darunter der handgeschriebene Hinweis „Sprechstunde: Mittwoch 10–16 Uhr“. Der Besucher betritt ein winziges, einfach eingerichtetes Büro, zwei weißgekalkte Zimmer im ersten Stock von Block H, Durchgangslager Berlin-Marienfelde. Dies ist die „Zweigstelle Berlin“ des in Hamburg ansässigen Vereins, der ZEIT-Lesern durch die Rubrik „Barbara bittet“ bekannt ist. Abgenutztes Mobiliar füllt die beiden Räume, durchgesessene Stühle, ein alter Schreibtisch.

Die Bescheidenheit der Ausstattung ist Programm. Als sich 1953 zwölf Frauen aus Hamburg zusammenschlössen, um deutschen Flüchtlingen aus dem Osten bei ihrem Start im Westen zu helfen, möglichst bald auf eigenen Beinen zu stehen, wollten sie mit einem minimalen Aufwand an Unkosten auskommen. Die Spendengelder, einzige Finanzierungsquelle des Vereins, sollten ganz den Hilfesuchenden aus der DDR und den ehemaligen deutschen Ostgebieten zugute kommen. Das ist bis heute gelungen.

Der Verein hat 76 Mitglieder, davon 66 in Hamburg. Noch immer sind es ausschließlich Frauen. Allerdings ist es inzwischen schwieriger geworden, in der Öffentlichkeit um Verständnis für die Probleme der Ostflüchtlinge zu werben, obwohl die Arbeit des Vereins eher zugenommen hat: Seit 1968 unterstützt er auch die politischen Flüchtlinge aus anderen osteuropäischen Staaten.

Heute ist wieder Mittwoch, kurz vor zehn, und draußen auf dem Flur drängeln schon ungeduldig die ersten Rat- und Hilfesuchenden. Keine Sekretärin bittet sie herein und nimmt ihre Personalien auf, denn die „Zweigstelle Berlin“ besteht nur aus einer einzigen Person: Frau N., Mitte fünfzig, Frau eines Professors. Genannt werden möchte sie lieber nicht, um weiterhin unbesorgt in die DDR fahren zu können.

Es ist zehn Uhr: Frau N. bittet die ersten Besucher herein, ein junges Ehepaar, das erst wenige Wochen verheiratet ist. Die Frau ist hochschwanger. Vor einem Monat hatten die DDR-Behörden sie abgeschoben, wie üblich nur mit dem Nötigsten versehen. Jahrelang waren sie wegen ihrer Ausreiseanträge massivem psychischem Druck ausgesetzt. Der Mann, ein gelernter Maschinenbauer mit Fachabitur, mußte sich zuletzt auf einem Friedhof verdingen. Seit ihrem ersten Besuch bei Frau N. haben sie eine Wohnung gefunden und möchten nun die bereits versprochene Bettwäsche abholen. Das könnte rasch erledigt sein, doch so schnell läßt Frau N. sie noch nicht wieder gehen. Wann mit der Niederkunft denn zu rechnen sei, möchte sie wissen, und in welcher Gegend die neue Wohnung liege?

Langsam taut der Ehemann auf, beginnt von seinen Behördengängen, seiner Arbeitssuche zu erzählen. Die herzliche Zuwendung tut ihm sichtlich gut. Seine Frau dagegen bleibt still und verzagt. Fast meint man, sie halte ständig den Atem an. Schließlich ist die Bettwäsche aber doch verstaut, und die beiden könnten jetzt gehen, doch Frau N. kramt noch immer umständlich in ihrem Schrank herum, zieht schließlich ein zur Rose gefaltetes Seidentaschentuch hervor und überreicht es der Frau unter aufmunterndem Lächeln: „Nachträglich zu Ihrer Hochzeit.“