Mehr als drei Milliarden Mark haben in diesem Jahr die Vertreter der "Steuerspar-Branche" von gut verdienenden deutschen Bürgern kassiert. Das ist erheblich mehr, als gleichzeitig für den Erwerb neuer Aktien aufgebracht werden wird. Der "graue" Kapitalmarkt hat in seiner Bedeutung als Kapitalsammelstelle die Aktie weit hinter sich gelassen.

Bei den Politikern, den Banken und der Industrie besteht Einigkeit darüber, daß die Aktie als Finanzierungsinstrument der Wirtschaft nicht noch weiter verkommen darf. Aber wie soll man sie wieder auf die Füße bringen, wenn jene Schichten, die traditionell für den Erwerb und Besitz von Aktien in Frage kommen, sich radikal von ihr abgewandt haben? Und zwar einfach deshalb, weil in den letzten fünfzehn Jahren praktisch an "der" Aktie nichts mehr zu verdienen war.

Um wieviel werbekräftiger müssen da die Versprechen der cleveren Abschreibungsbranche sein, deren Vertreter nicht selten durch die harte Verkaufsschule von Bernie Cornfelds IOS gegangen sind und die "steuerliche Verluste" in Aussicht stellen, mit denen sich angeblich steuerfreies Vermögen bilden läßt. Und Millionen von Bundesbürgern, die in ihrem eigenen Beruf mißtrauisch sind, bei ihrer Bank um jede Mark Spesen feilschen, vertrauen solchen Versprechen ungeprüft und öffnen ihre Brieftasche weit. Das Lustgefühl, dem Fiskus ein Schnippchen schlagen zu können, verdrängt offenbar jedes Bedenken.

Die Bundesregierung versucht zwar, über Verwaltungsmaßnahmen, Steueränderungen und Haftungsandrohungen der Branche das Wasser abzugraben. Aber bisher waren ihre Manager immer um eine Nasenlänge voraus und warteten mit neuen "Modellen" auf, mit deren Hilfe sie sich durch das Steuerdickicht schlängelten.

Deshalb stellt sich die Frage, ob hier Verbote und Einschränkungen weiterhelfen. Tatsächlich wäre es viel besser, wenn der Aktie ihr angestammter Platz zurückgegeben werden könnte. Aber bitte nicht mit steuerlichen Hilfen, die wohl ohnehin angesichts der knappen Bundeskassen ausscheiden.

Wer ernsthaft für die Aktie als Finanzierungsinstrument eintritt, darf nicht an der Oberfläche bleiben, sondern muß nach den Gründen ihrer Unpopularität suchen. Da ist die ungenügende Beteiligung der Aktionäre (Inhaber) am erwirtschafteten Betriebsergebnis der Unternehmen, eine vielfach unbefriedigende Dividendenpolitik, aber auch eine Schmälerung der Eigentümerinteressen durch die paritätische Mitbestimmung. Die einzige dem Aktionär verbliebene "Macht" ist die Möglichkeit, sich bei der Finanzierung von Investitionen zu verweigern, wie dies bei Hoesch im Falle Dortmund geschieht.

Wer ein besseres Aktienklima schaffen will, hat zu prüfen, ob wir in unserer Gesellschaftspolitik der vergangenen Jahre überall den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wer das bejaht, kann über die Auswüchse in der Abschreibungsbranche nicht die Nase rümpfen. Sie hat ihre Geldgeber liebevoll umworben, dafür hohe Spesen kassiert und die Kundschaft später oft genug im Regen stehenlassen. Aber wir hatten wenigstens eine Chance, beteuern die Betroffenen, bei Aktien haben wir von vornherein keine... Das ist das Dilemma. Kurt Wendt