Himmelpforten

Ich will keine Märchen erzählen, aber: Den Weihnachtsmann gibt es tatsächlich – das verkündete vor Jahren eine japanische Zeitung. Die Aktenkundigkeit dieser Offenbarung verdanken wir der Liebenswürdigkeit der Deutschen Bundespost. Sie schrieb nämlich an den Weihnachtsmann: – Sehr geehrte Herren (!), vereinbarungsgemäß übersenden wir Ihnen eine Kopie des Zeitungsausschnittes aus der in Tokio erscheinenden Zeitung Asahi Schimbun. „Im 13. Jahrhundert“ – so heißt es in der Übersetzung des japanischen Textes – „wurde in der Gegend von Hamburg ein Nonnenkloster namens Porta coeli gegründet – (das ist auf deutsch ‚Zur Himmelspforte’), welches noch heute über dem Dorfe Himmelpforten thront.“

Fernöstliche Sicht und Kameratechnik in allen Ehren – in Wirklichkeit liegt Himmelpforten auf halbem Wege zwischen Hamburg und Cuxhaven, in einer Landschaft, die so flach wie ein Pfannkuchen ist. Vom ehemaligen Zisterzienserkloster sind nur noch ein paar Backsteine erhalten, aber sonst hat unser japanischer Gewährsmann recht. Tatsächlich wohnt der Weihnachtsmann dort. Wilhelm Pilarski, 67 Jahre alt, bürgerlicher Beruf: Gemeindedirektor im Ruhestand; beantwortet zusammen mit seiner Frau seit Jahren alle Briefe, die meist in krakeliger Schrift an das Christkind im Himmel, an den Nikolaus und an den Weihnachtsmann in Himmelshausen, an père Noel, Allemagne – oft genug unfrankiert – irgendwo in den Kasten gesteckt werden. Briefe aus aller Welt, die den Weihnachtsmann bitten, fordern, anflehen und zuweilen beschimpfen.

Ich werde 89, bin ganz allein und wünsche mir einen Brief vom Weihnachtsmann ...

Schick doch meinen Papi aus dem Himmel zurück, er fehlt meiner Mami und mir so sehr.

Meine Eltern wollen sich scheiden lassen. Mach’ doch, daß sie wieder lieb sind –

Zwei Jungen aus Cloppenburg wünschten sich einen neuen Vater. Ich bin der neue. Herzlichen Dank.