ZDF, Dienstag, 9. Dezember: „Krank durch Arbeit“, Bericht über Berufskrankheiten von Rudolf Blank, und ZDF, Mittwoch, 10. Dezember: „Das macht mich richtig aggressiv“, Psychische Störungen am Arbeitsplatz

In der vergangenen Woche wurde, ein verdienstvolles Unterfangen, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden über Berufskrankheiten berichtet: An die vierzigtausend sind angezeigt in unserem Land, sechstausend davon anerkannt. Zuerst die somatischen, dann die psychischen Leiden; im ersten Report Bäckerasthma und Asbestose, im zweiten Seelenbeschädigung infolge von Lärm, Hetze und Streß im Betrieb. So war’s geplant, und so wurde es durchgeführt – leider mit problematischem Erfolg. Warum? Weil Ängste, Alpträume und Neurosen sich schwer ins Bild umsetzen lassen; weil es langer, treibender Gespräche bedurft hätte und nicht der Minuten-Interviews, um die Seelenanlage eines türkischen Fließbandarbeiters, die durch Angst vorm Existenzverlust potenzierten Phobien einer Frau am flimmernden Bildgerät im Großraumbüro oder die durch ständige Musik und laute Durchsagen bedingte Überreizung einer Supermarkt-Verkäuferin zu illustrieren.

Kurzum, so redlich der Versuch war, die psychische Situation von Menschen zu beschreiben, die nicht viel mehr als gelehrige Werkzeuge sind und keine Mit- und Selbstbestimmenden, die produktiv, also schöpferisch, Sinn und Zweck ihrer Arbeit definieren... so informativ die Unterweisung über neue Kooperationsformen im Betrieb sich ausnahm: Es wurden am Ende doch nur Probleme erörtert, und die Beteiligten selbst, die in minuziöser Rede über ihre Beschädigung und deren Ursache hätten Stellung nehmen müssen, blieben Statisten: Statisten, weil sie nicht sagen konnten, wie das eigentlich aussieht, wenn ein gestandener Drucker plötzlich zum Hilfsarbeiter in einem elektronischen Betrieb degradiert wird, heute, morgen oder übermorgen: Was denkt er, wovon träumt er, was macht ihm Angst – ihm oder dem Schichtarbeiter, der nachts um vier mutterseelenallein durchs winterliche Ruhrgebiet fährt?

Was, im Fall der Seelenleiden, geduldiger Exploration bedarf, um die Plastizität eines Bildes zu gewinnen, kann, im Fall somatischer Erkrankungen, in Sekundenschnelle vorgeführt werden. „Ich hab’ Asbestose. Wir waren sechzehn Kollegen. Zwölf sind gestorben“: schon auf den Begriff gebracht, das Problem, in seiner Schärfe beleuchtet und durch kein nachträglich-beschwichtigendes Wort eines Arbeitsmediziners zu verwischen. Und dann die Asthmatiker! Da bedurfte es keines langen Gesprächs, da machte jeder Atemzug die Beschädigung deutlich: die Schultern hochgezogen, die Luft krampfhaft eingezogen, mit Giemen und Pfeifen, die Atemhilfsmuskeln in voller Aktion, das Gesicht im Zwischenbereich von Resignation und Besorgnis: Noch krieg ich ja Luft, aber was, wenn’s schlimmer wird?

Zwei Filme über das gleiche Thema: Arbeitskrankheiten. Das ist vernünftig und begrüßenswert. Zwei Filme, die sich der gleichen Technik bedienten. Das ist bedauerlich und zeugt von mangelnder Vorüberlegung. Bäckerasthma vermag ich präzise und rasch zu demonstrieren: Da! Schau mal den an! Wie der den Atem in die Kehle zieht und beim Ausatmen nicht weiß, wohin mit der Luft! Seelenbeschädigung hingegen, Angst und Verzweiflung, kann sich nur in ausschweifender Rede artikulieren. Und darum hätte dem Drama, das sich selbst spielt, ein epischer Bericht folgen müssen: über das verborgene Leiden, dem nachgeholfen werden muß, damit es sich enthüllt. Momos