Tabori geht mit Beckett ins Zirkuszelt, Wendt erobert Pirandello, Lietzau inszeniert Strindberg

Von Helmut Schödel

Für eine Theatergruppe begann eine verzweifelte Tournee, als ein junger Dichter, der die Hauptdarstellerin glühend verehrte, Selbstmord beging, weil seine Angebetete sich für die Ehe mit einem Grafen mehr als für sein Stück interessiert hatte. Sein Tod machte es der Gräfin zur „heiligen Pflicht“, die „Fabel vom vertauschten. Sohn“ unter die Menschen zu bringen. Für eine glanzvolle Inszenierung (die ein Reinfall wurde) hatte der Graf Hof und Schloß verkauft. Auf eine Vorstellung vor einer Hochzeitsgesellschaft der sogenannten „Riesen vom Berge“ setzten später die inzwischen verarmten Wanderschauspieler ihre ganze Hoffnung. Luigi Pirandello hat bis zum Tag vor seinem Tod (1936) an diesem Auftritt der Truppe gearbeitet. Das wäre der dritte Akt seines Stücks geworden. Nun sind die „Riesen vom Berge“ ein Fragment.

Während Ernst Wendt Pirandellos Geschichte in den Münchner Kammerspielen inszenierte, zog eine Theatergruppe, die zuletzt mit Hans Magnus Enzensbergers „Untergang der Titanic“ im Werkraumtheater der Kammerspiele aufgetreten war, in ein Zirkuszelt an der Münchner Leopoldstraße. Zusammen mit der Zirkusfamilie wollen sie Beckett unter die Leute bringen. „Ich bin unglücklich, aber nicht unglücklich genug, das war immer mein Unglück“ heißt ihr „Beckettabend I“. Es wird ein zweiter folgen, der sich mit einem Prosastück Becketts beschäftigt („Der Verwaiser“) und ein dritter („Glückliche Tage“).

George Tabori ist kein Graf, Beckett hat nicht Selbstmord begangen, die Premiere war keine Pleite, und die geplante Stadtteilbespielung ist nicht in eine verzweifelte Tournee umzumünzen. Trotzdem begegnen sich Wendts Pirandello-Ensemble und George Taboris Beckett-Truppe immer wieder dort, wo sie die Grenzen ihres Theaters erreichen.

Bevor sie zu den Riesen kommen, machen die Schauspieler der Gräfin in der „Villa der Pechvögel“ Station. Dort lebt zwischen den Außenseitern der Gesellschaft der Zauberer Cotrone. Zu seinem Repertoire gehören Lichteffekte und Donner, Geistererscheinungen und „Stimmen“: ein-Arsenal von Attraktionen. Deren Montage ist der Zirkus. Tabori hat Harry Scholl-Frank, den Zirkusdirektor, zu seinem Co-Produzenten gemacht. Ernst Wendt gelingt es nicht, mit Cotrone zusammenzuarbeiten.

In der Zirkusarena spricht Jennifer Minetti einen Beckett-Text, als stünde sie vor einer Klagemauer: „Widerwillig zehren von der zehrenden Zeit der Erde, Ort aus einer Arena und einem Graben. Zwischen beiden, an letzterem entlang, ein Pfad. Auswegloser Ort.“ So ausweglos auch wieder nicht: Noch am selben Abend wollen die Zirkuspferde plötzlich nicht mehr nur im Kreis laufen, sondern brechen aus und laufen zum Zelt hinaus. Auswegloser Ort? Unter der Zirkuskuppel machen nicht die Wörter die Sensationen.