Göppingen

So ganz wollte man sie nicht verstehen, die westdeutschen Postler, als sie vor kurzem den Ausstand probten: Hatten ihnen doch gerade fünf Kollegen aus dem Schwäbischen vorgemacht, wie spaßig man seinen nächtlichen Schichtdienst eben auch gestalten kann.

Besagte Postbeamte aus Göppingen hatten es sich nämlich angewöhnt, zu Graf Draculas Stunde einem blutrünstigen Hobby nachzugehen: Sie öffneten mittels Klammern verschlossene Versandbeutel, in denen die Polizei ihre Blutproben, die sie kurz zuvor Bürgern abgezapft hat, als Frischware gewissermaßen zur medizinischen Untersuchung schickt. Ein auf den ersten Blick nicht eben abwechslungsreiches Hobby – Glasröhrchen anschauen, in denen ein paar Milligramm Alkoholblut schwimmen.

Interessant aber wurde die Göppinger Nachtschicht dadurch, daß einem dem Versandbeutel beigelegten Brief zu entnehmen war, wer der edle Spender des roten Gemischs ist. Man kann sich das Überlegenheitsgefühl der Spicker von der Post gar nicht farbig genug vorstellen.

„Soso, der Herr Oberstudienrat Müller. Heute früh gibt er meiner Tochter eine fünf, heute abend fährt er besoffen Auto“, könnte einer gesagt haben, oder: „Ach, der Herr Stadtdirektor ist auch dabei; der Sozi, der Rote, dem Pröbchen fügen wir doch gleich einen Obstler bei.“

Also hatten fünf Postler aus Göppingen, immer wenn es Nacht wurde, eine ganze Stadt in der Hand. Sie waren stets aufs Beste darüber informiert, wer in Göppingen nach wie vielen Viertele erwischt, von der Polizei einer Blutprobe unterzogen und wem hernach der Führerschein entzogen wurde.

Und das nicht nur nachts: Man stelle sich vor, Herr Oberstudienrat Müller kauft am Morgen danach eine Sechzigermarke! Die Süffisanz, mit der der Beamte ihn dabei fragen konnte, ob er sich denn das Busmärkchen schon besorgt habe!